Die subversive Macht des Gender-Mainstreaming

Wie es kam, dass ohne „gendergerechte“ Sprache praktisch nichts mehr geht – und warum eine freie Gesellschaft sich hüten sollte, das hinzunehmen

Von Birgit Kelle

02.06.2017 – DER HAUPTSTADTBRIEF in der Berliner Morgenpost

Birgit Kelle ist Publizistin und Sachbuchautorin. 2015 erschien ihre Streitschrift Gendergaga. Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will. Im HAUPTSTADTBRIEF legt sie dar, warum es beim „Gender-Mainstreaming“ nicht um ein bejahendes Bemühen um mehr Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen geht, sondern um eine aktivistische Bewegung, die an den demokratischen Strukturen vorbei die Gesellschaft nach ihrem Bilde umzukrempeln trachtet.

Vor einigen Jahren tauchte ein neuer Begriff im Vokabular der politischen Agenda deutscher Aktivisten auf: Alles, was auch nur im entferntesten mit Emanzipation, Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter zu tun hatte, erhielt das Label „Gender“. Und das bedeutete weit mehr als eine zeitgemäße Namensänderung, denn mit der klassischen Gleichstellungsthematik hat das, womit wir heute in immer mehr Bereichen des öffentlichen Lebens konfrontiert sind, kaum noch etwas gemein.

Der Begriff Gender kommt aus dem angloamerikanischen Sprachraum und meint die durch Gesellschaft und Kultur geprägten Geschlechtseigenschaften einer Person in Abgrenzung zu ihrem biologischen Geschlecht (englisch Sex). Gender behauptet also die Existenz eines „sozialen Geschlechts“, das vielfältig, veränderlich und formbar ist. Und die Aktivisten des „Gender-Mainstreaming“ – von Mainstream, der Hauptströmung einer Gesellschaft – führen einen Feldzug, diese Botschaft der Vielfalt und Veränderbarkeit der Geschlechter der Mehrheitsgesellschaft einzutrichtern.

Eine für alle: Unisextoilette in der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen. Die Kosten, die der Steuerzahler für die – demokratisch nicht legitimierte – Umgestaltung zu tragen hat, sind diesem Fall überschaubar. Die insgesamt durch das Akzeptieren und Umsetzen von Gender-Mainstreaming entstehenden Kosten und Auswirkungen sind es nicht.

Während es früher um die Gleichberechtigung von Mann und Frau ging, hat sich die Genderbewegung die Vielfalt der Geschlechter auf die Fahnen geschrieben. Und je nachdem, an welche Gender-Mainstreaming-Meinung man glaubt, ist die Zahl der möglichen Geschlechter nahezu unbegrenzt. Wer ein Profil auf Facebook erstellt, kann aus einer Liste von 60 Geschlechtern wählen. Eine alltagsübliche Auswahl an Vielfalt wird gemeinhin unter dem Kürzel LSBTTIQ zusammengefasst: lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell und queer.

Das, was hier definiert wird, ist nicht mehr das Geschlecht, es ist die sexuelle Orientierung. Es geht nicht mehr um die biologische Unterscheidung von Mann und Frau – es geht um die Frage, wen jemand sexuell begehrt. Es geht also um eine höchst private Kategorie – und dennoch ist das die neue Geschlechterdefinition. Und zugleich eine neue Gerechtigkeitsdefinition. Wenn wir heute über „Geschlechtergerechtigkeit“ sprechen, dann geht es nicht mehr um die Gleichberechtigung von Mann und Frau, es geht jetzt um sexuelle Minderheiten, ihre Wahrnehmung im öffentlichen Raum und ihre Rechte.

Dass Minderheiten – von denen es neben den unter den Genderbegriff fallenden zahllose weitere gibt – für ihre Rechte kämpfen, ist geradezu ein Wesensmerkmal der Demokratie. Eine freie Gesellschaft muss es sich angelegen sein lassen, Minderheiten zur Kenntnis zu nehmen, sie zu dulden und ihnen zu ihren Rechten zu verhelfen. Das Problem beginnt da, wo diese Forderungen von Minderheiten zum Staatsprogramm erhoben werden – und zwar nicht, weil es demokratisch-mehrheitlich so beschlossen worden ist, sondern weil die Definition der Geschlechtergerechtigkeit gekapert worden ist und entschlossene Lobbygruppen sie nun für sich reklamieren.

Jetzt heißt es: Das, was laut Grundgesetz unter der Gleichberechtigung der Geschlechter definiert wurde, nämlich die von Mann und Frau, das war willkürlich, denn es gibt nicht nur zwei Geschlechter, es gibt viele. Und ein homosexueller Mann beispielsweise ist nicht in erster Linie Mann, sondern eine eigene Minderheitenkategorie, wenn er politisch agiert oder wenn für ihn agiert wird. Dann ist er Schwuler, weil dieses Ticket effektiver ist, als wenn er nur als Mann agierte.

Das ist eine Grundproblematik bei der Gender-Debatte, dass erstens niemand mehr den Begriff tatsächlich klar definieren kann, und zweitens, dass wir es in diesem gemischten Gender-Topf inzwischen mit völlig unterschiedlichen Positionen zu tun haben, die noch nicht einmal alle zwingend auf der gleichen Seite stehen oder sich für dasselbe einsetzen – eine bunte Ansammlung von Minderheiten. Sagt man aber: Für diese und jene Positionen trete ich nicht ein, denn mit denen habe ich nichts zu tun, gilt man schnell als Antifeministin und neurechts – schlicht deshalb, weil man eine Erwartungshaltung nicht erfüllt.

Wir haben also diesen gemischten Gender-Topf. Dazu haben wir eine Gender-Wissenschaft, die so genannten Gender Studies – 35 der deutschlandweit 160 Gender-Lehrstühle befinden sich in der Gender-Hauptstadt Berlin. Hier geht es zum einen um Gender-Forschung, es gibt aber auch noch die sogenannte intersektionale Gender-Forschung. Sie erforscht nicht nur Diskriminierung aufgrund von Geschlecht im Sinne von sexueller Orientierung, sondern befasst sich mit Fragen der Mehrfachdiskriminierung. Um dies am Beispiel meiner eigenen Person zu verdeutlichen: Ich bin Frau, also qua Geburt Opfer von Diskriminierung. Außerdem habe ich einen Migrationshintergrund, ich komme aus Rumänien – also Frau mit Migrationshintergrund. Wäre ich nicht nur langweilig heterosexuell, sondern auch ein wenig bi, könnte ich aufgrund meiner sexuellen Orientierung Diskriminierungserfahrung haben: Dreifachopferstatus. Sähe man mir meinen Migrationsstatus an, etwa wegen dunkler Hautfarbe, wäre das ein vierter Diskriminierungsauslöser. Wäre ich zudem Rollstuhlfahrerin, also behindert, käme ein fünfter hinzu.

Die jeweiligen Diskriminierungserfahrungen potenzieren sich gegenseitig. Und diese Querverstrebungen sind Schwerpunkt der intersektionalen Gender-Forschung – ein Forschungsfeld, dem zuverlässig für lange Zeit der Stoff nicht ausgehen wird. Das heißt: Diese Methode der Erweiterung der Genderforschung stellt sicher, dass Steuermittel mindestens für die nächsten zwanzig Jahre fließen werden. Die Erweiterung vom Thema Gleichstellung von Frauen auf die Frage der verschiedenen sexuellen Orientierungen und ihrer Diskriminierungserfahrungen hat ein schier unendliches Themenfeld aufgemacht. Denn jeder, der sich diskriminiert fühlt, ist es nach der hier angewandten Definition auch.

Das läuft letztlich darauf hinaus, dass bei jeder Forderung, die in den öffentlichen Raum gestellt und nicht umgehend erfüllt wird, jemand empört, betroffen, diskriminiert ist. Und jeder, der das nicht teilt, ist homophob, xenophob, transphob. So lässt sich jede Diskussion im Keim ersticken. Nun könnte man einwenden: Sollen sie sich doch aufregen, was geht es mich an? Warum haben wir uns überhaupt mit dem Thema zu befassen? Wir haben uns damit zu befassen, weil das unser Steuergeld ist, das in die Budgets der Gender Studies fließt. Und wie viel von unserem Geld kostet es, wenn beispielsweise ein Ministerium auf gendergerechte Sprache und Unisextoiletten umstellt wird? Niemand wird im Augenblick darauf eine Antwort geben können oder wollen. Es ist aber davon auszugehen, dass es eine Menge Geld sein wird.

Um zu verstehen, wie es dazu kam, dass es ohne gendergerechte Sprache praktisch nirgendwo mehr geht, lohnt ein Blick zurück: Zunächst war die Grammatik zum Gegenstand feministischer Kritik geworden, mit der Argumentation, die deutsche Sprache bilde den weiblichen Teil der Bevölkerung nicht genügend ab – also man tut etwas, und nicht frau. Auch der deutsche Plural ist männlich gefärbt. Wer von Ärzten, Lehrern und so weiter spricht, meint in der Regel Männer und Frauen, die in diesen Berufen arbeiten – der Anteil an Frauen ist in der Sprache jedoch nicht sichtbar. So kam die Doppelnennung auf. Nun sollte es heißen, und tut es ja heute: Liebe Bürgerinnen und Bürger.

Die Doppelnennung sagt aus: Hier werden Frauen nicht durch Nichtachtung oder Nichtnennung diskriminiert. Die Doppelnennung ist nur etwas umständlich, also kam das Binnen-I auf: BürgerInnen, LehrerInnen. Nur: Wie spricht man ein großes I mitten im Wort? Bald ging es darum, dass die Vielfalt der Geschlechter auch sprachlich sichtbar gemacht werden sollte. Dafür haben sich mittlerweile zwei Hauptmethoden durchgesetzt, der „Gender Gap“ und der „Gender Star“ – Gap wie Englisch für Lücke, Star wie Stern. Das ist der Gender-Gap: Bürger_Innen. Hier steht nun also Bürger gleich männlich, der Unterstrich für die Vielfalt der Geschlechter, und das große I für die Frauen. Alternativ lässt es sich machen mit dem Sternchen, dem Gender-Star: Bürger*Innen.

Das hört sich nach Firlefanz an, ist aber keiner. Die gesamte parteiinterne Korrespondenz der Grünen etwa wird seit ihrem letzten Parteitag nur noch mit Gender-Star geschrieben, ebenso ihre Internetpräsenz. Auch parlamentarische Schriftstücke, Korrespondenzen an den Landtag, Kleine Anfragen und dergleichen ziert der Stern. Meist wird das von der Administration in dieser Form akzeptiert. Das heißt: Eine Schreibweise, die völlig frei erfunden und ohne allgemeinen Konsens eingeführt ist, wird bei Landtagen, bei Regierungsstellen und anderen öffentlichen Stellen im juristischen Raum als normal hingenommen.

Überall, wo es auch nur entfernt um „Diversity“ – um Vielfalt der Geschlechter – geht, werden heute Gender-Gap oder Gender-Star verwendet, auch von staatlichen Stellen. Es wird nicht in Frage gestellt, es wird einfach gemacht, weil „man“ es heute so macht. An den Universitäten wird von den Studenten de facto verlangt, Semesterarbeiten in „gegenderter“ Sprache abzugeben – ohne dass es irgendeine rechtliche Basis dafür gäbe. Studenten, die es nicht tun möchten, droht Punktabzug. Auch das Bundesverkehrsministerium passt seine Straßenverkehrsordnung an die neuen Erfordernisse der Geschlechtergerechtigkeit in der Sprache an. Radfahrer, Autofahrer – das war gestern, jetzt heißt es Radfahrende Autofahrende. Es heißt nicht mehr Fußgänger, es heißt es Zu-Fuß-Gehende. Dass dies grammatikalisch unrichtig ist, scheint niemanden zu kümmern, und dass es keinerlei Rechtsgrundlage für diese Umbenennungen gibt, auch nicht. Hintergrund ist wohl, dass man modern sein und die gendergerechte Sprache ausgerechnet in einem CSU-geführten Ministerium als Vorreiter einführt.

Auch auf Länderebene ist man derweil nicht untätig. So schreitet beispielsweise die Umbenennung der Studentenwerke voran. In Baden-Württemberg etwa ist schon alles umbenannt in Studierendenwerke. Allein diese Umbenennung kostet eine Menge Geld. Die Studentenwerke selbst haben sich dagegen ausgesprochen, mangels Notwendigkeit und wegen der Kosten. Es muss ja alles geändert werden: Visitenkarte, Aushänge, die Homepage, jeder Studentenausweis, jedes Türschild. Die Wohnheime und andere Liegenschaften, deren Träger das Studentenwerk ist, müssen im Grundbuch umgeschrieben werden, was notariell beurkundet werden muss.

Die Stadt Mannheim hat das 200 000 Euro gekostet. Und jedes Studentenwerk in Deutschland kommt an die Reihe. Was wird das insgesamt kosten? Was hat es gekostet, die Straßenverkehrsordnung gendersensibel umzuformulieren, einschließlich aller Gesetzestexte, Broschüren und so weiter? Was kosten die öffentlich finanzierte Gleichstellungsbüros, die sich damit befassen, Sprachbroschüren zu erstellen mit dem Ziel, bestimmte Worte, die sie für nicht sprachsensibel halten, aus dem Sprachschatz zu tilgen beziehungsweise durch andere, gendergerechte zu ersetzen?

Die Kosten, die die Steuerzahler dafür zu stemmen haben, sind immens – und die Kosten für die Demokratie können es auch sein. Die amerikanische Philosophin und Philologin Judith Butler, die Ikone der Gender-Bewegung, hatte es schon früh erkannt, dass man die Herrschaft über die Sprache gewinnen muss, wenn man das Denken der Menschen verändern will. Gender-Sprache ist Gesellschaftspolitik. Die Herrschaft über die Sprache war schon immer ein totalitäres Machtmittel. Sobald man die Dinge nicht mehr beim Namen nennen darf, sie sogar bewusst anders nennen muss, ist das ein Indiz dafür, dass etwas gewaltig faul ist im Staate.

Wir haben es hier mit Bestrebungen zu tun, eine neue Normalität, ein neues Denken durchzusetzen in der Gesellschaft. Das ist zum einen Druck über die Sprache, die verändert werden soll. Das ist Druck auf öffentliche Einrichtungen. Das ist die Inanspruchnahme immer höherer Budgets – und das ist die gezielte Beeinflussung der nächsten Generation. Kein pädagogischer Studiengang kommt heute noch ohne Gender-Mainstreaming aus. Niemand in der Pädagogik oder in der Soziologie kommt noch daran vorbei. Kindergartenerzieherinnen und Lehrer werden in Sachen Geschlechtervielfalt weitergebildet. In Berlin ist eine Medienbox „Sexuelle Vielfalt“ für den Kindergarten erhältlich, mit Billigung und Finanzierung durch den Senat. Ihr Sinn, so die Leiterin des Projekts in einem Zeitungsinterview: Kinder sollen lernen, wie es ist, wenn man nicht weiß, ob man ein Junge oder ein Mädchen ist.

Wir haben es schon lange nicht mehr mit Gleichberechtigungsbestrebungen zu tun. Sie sind gekapert worden von einer ganz neuen Agenda, die den Menschen dekonstruieren will, um ihn anschließend nach eigenen Vorstellungen neu zusammenzubauen. Fände eine Mehrheit der Bevölkerung das großartig und wünschenswert, wäre es von denen, die es nicht großartig finden, hinzunehmen. Wir haben es hier aber mit einer wachsenden Einflussnahme einer Minderheit auf die Mehrheit zu tun, ohne demokratische Legitimation. Das Bezeichnende am Gender-Mainstreaming ist, dass es das ist, was man eine Top-Down-Bewegung nennt. Eine Bewegung also, die nicht demokratisch ist, nicht frei gewählt ist, sondern von oben nach unten von selbst ernannten Aktivisten betrieben wird.

Es existiert keine demokratische Legitimation, keine rechtliche Grundlage und auch keine Notwendigkeit, den gendergemäßen Geboten und Änderungsbestrebungen zu folgen und die vorgeschlagenen Sprachneuschöpfungen zu benutzen oder zu beachten. Es gibt keinerlei demokratische Entscheidung zu ihren Gunsten. Dessen ungeachtet wird Gender-Mainstreaming gemeinhin bereits als Leitprinzip der Politik in Deutschland bezeichnet – ohne Beschluss, ohne Parlamentsdebatte. Man hat es stillschweigend eingeführt. Die deutsche Politik setzt eine politische Handlungsstrategie um und beugt sich einer Strategie, der jegliche demokratische Legitimation abgeht. Und dies, denke ich, ist in einer freien Gesellschaft nicht hinzunehmen.

Der Beitrag unserer Autorin Birgit Kelle ging aus einem Vortrag über „Genderismus – ideengeschichtlicher Hintergrund und institutioneller Erfolg“ hervor, den sie im April 2017 bei der Hayek-Gesellschaft in Berlin hielt. Ihr Buch Gendergaga. Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will erschien 2015 im Adeo Verlag, Asslar. 192 Seiten, gebunden 17,99 Euro, als E-Book 13,99 Euro. www.adeo-verlag.de

Ihr neues Buch Muttertier wird im Juli 2017 im Fontis Verlag, Basel, erscheinen. www.fontis-verlag.com

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