Die Wurzeln der Grünen reichen weit zurück

Ein rabenschwarzer Tag, der eine neue politische Strömung ans Licht und am Ende an die Macht brachte

Von Rainer Bieling

02.06.2017 – DER HAUPTSTADTBRIEF in der Berliner Morgenpost

Dr. Rainer Bieling ist Redaktionsdirektor des Informations- und Hintergrunddienstes DER HAUPTSTADTBRIEF. Im Jahr 1967 war er Gymnasiast in West-Berlin und engagierte sich in der Protestbewegung gegen das damalige Establishment. Seit dem Abschluss seines Studiums arbeitet er in privatwirtschaftlichen Printmedien. Für den HAUPTSTADTBRIEF macht er darauf aufmerksam, dass der Marsch durch die Institutionen die übergroße Mehrheit seiner Altersgenossen und der von ihnen politisierten grünen Generation geradewegs in den öffentlichen Dienst führte, in dem sie sich als neues Establishment wohl fühlt – und wieder alles besser weiß.

2. Juni 1967. Benno Ohnesorg, 26, Student an der Freien Universität Berlin, liegt leblos am Boden hinter der Deutschen Oper. Dort hatte er mit anderen Studenten gegen den Schah von Persien protestiert und war beim Vertreiben der Demonstranten von einem West-Berliner Polizisten erschossen worden. 42 Jahre später, 2009, stellte sich heraus, dass der Polizist Agent der DDR-Staatssicherheit und Mitglied der Ost-Berliner SED war, die 2017 unter dem Namen Die Linke auch das einstige West-Berlin regiert. Im West-Berlin von 1967 hingegen herrschte die SPD ohne Wenn und Aber, fast 57 Prozent hatte sie im März 1967 bei der Abgeordnetenhauswahl erzielt.

Der Tod von Benno Ohnesorg am 2. Juni vor 50 Jahren löste eine Bewegung aus, die in der Gründung der Partei der Grünen mündete.

Der gewaltsame Tod von Benno Ohnesorg wurde von der Außerparlamentarischen Opposition (APO) als das verstanden, als das er inszeniert war: als Angriff des Establishments auf die Protestbewegung. Als zu Ostern 1968 auch noch deren Wortführer Rudi Dutschke angeschossen und schwer verletzt wurde, stand für die APO fest: Das Establishment, damals auf Bundesebene eine große Koalition aus SPD und Union, die 87 Prozent der Wähler repräsentierte, hatte ihr den Krieg erklärt. Ein sehr kleiner Teil der Achtundsechziger griff nun ebenfalls zu den Waffen und formierte die Rote Armee Fraktion (RAF). Die überwiegende Mehrheit der Außerparlamentarischen machte sich auf den Marsch durch die Institutionen, um den Staat friedlich zu übernehmen.

2. Juni 2017. Benno Ohnesorg ist 50 Jahre tot und die friedliche Übernahme ein voller Erfolg. Zuerst hatten sich die Außerparlamentarischen nach einem Jahrzehnt roter Experimente in die neue Gestalt der Grünen und in eine parlamentarische Opposition verwandelt, die es 1983 in den Bundestag schaffte. 1985 koalierten die Grünen erstmals im Bundesland Hessen mit einer Partei, in die ein anderer Teil der Achtundsechziger eingewandert war, mit der SPD. Berühmt der grüne „Turnschuh-Minister“ Joschka Fischer, der mit seinem Street-Look signalisierte: Seht, wir sind drin!

In 35 Jahren sind die Grünen Teil des staatstragenden Establishments geworden, eine grüne Beteiligung an einer schwarzen Bundesregierung würde diesen Prozess nur krönen. Das letzte APO-Tabu fiele: Die Grünen in einem Boot mit der Partei Konrad Adenauers, Kurt Georg Kiesingers und Helmut Kohls, ganz offiziell. Denn informell sind das autoritäre Establishment von gestern und die grünrote Ökokratie von heute längst nahtlos verbunden. Jede Bundestagsentscheidung über Energiepolitik, Eurorettung und Migration belegt den Konsens der Demokraten, den die Leitmedien so einmütig loben.

Sie haben eine Bemerkung zu dem vorstehenden Beitrag? Dann schreiben Sie bitte dem Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.