Experimentierfreude und ein wenig Schabernack

Sigmar Polke war ein Künstler, der den Zufall und die Provokation liebte – seine „Editionen“ laden ein zur kurzweiligen Annäherung an sein Werk

Von Sabine Lueken

02.06.2017 – DER HAUPTSTADTBRIEF in der Berliner Morgenpost

Sabine Lueken ist Historikerin, Publizistin und Lehrerin in Berlin. Für den HAUPTSTADTBRIEF besuchte sie die Ausstellung „Sigmar Polke – Die Editionen“, die im Sammlermuseum „me Collectors Room Berlin/Sammlung Olbricht“ in Mitte zu erleben ist.

Gleich vorweg gesagt: Der Besuch der Ausstellung „Sigmar Polke – Die Editionen“ macht gute Laune. Der subversive Humor, die skurrilen Einfälle Polkes, sein Witz, seine Vielschichtigkeit, seine mit Humor gepaarte Zeitkritik, sein spielerischer Nonkonformismus sind mitreißend und belebend. Im „me Collectors Room“ Berlin/Stiftung Olbricht werden zurzeit rund 200 Arbeiten gezeigt, das gesamte Editionswerk Sigmar Polkes aus der privaten Sammlung „Kunstraum am Limes“.

Die Editionen bilden einen eigenständigen Werkkomplex, changierend zwischen Schabernack und ernsthafter Kritik, Wirklichkeit und Täuschung, Plagiat und Original. Sie sind also kein „Nebenprodukt“ von Polkes Kunst – sie sind jedoch für den Betrachter zugänglicher als seine Malerei. Zusammengetragen hat sie der Westerwälder Sammler Axel Ciesielski. Und seine Passion für Polke ist kein Einzelfall, befinden sich doch große Teile des Gesamtwerks des Künstlers in den Händen privater Sammler. Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden beispielsweise zeigt noch bis zum 25. Juni 2017 seine Polkes unter dem Titel „Alchemie und Arabeske“.

Angestrengte Heiterkeit: Das Büro war nicht Sigmar Polkes Welt. In seiner Arbeit „Betriebsfest“ von 1998 wachsen die Feiernden aus einer Topfpflanze von der Art, wie sie einst viele Büroräume zierte.

Sigmar Polke, Maler, Grafiker und Fotograf, war einer der erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Künstler der Gegenwart. Von der amerikanischen Pop Art inspiriert, setzte er sich in seinen frühen Arbeiten der 1960er-Jahre vor allem mit der Konsumkultur der deutschen Nachkriegsgesellschaft auseinander und entwickelte mit seinen Raster- und Stoffbildern einen eigenen Bilderkosmos. Er entzog sich gewollt und konsequent jeder stilistischen Kategorisierung und verachtete den Kunstbetrieb. Allerdings nahm er mehrmals an der Documenta in Kassel teil. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er auf der Biennale in Venedig 1986 den Großen Preis für Malerei. 2006 schuf er – sein größter öffentlicher Auftrag – neue Glasfenster für das Züricher Großmünster.

Die jetzt gezeigten Editionen stammen aus den Jahren 1963 bis 2009, decken also Polkes gesamte künstlerische Laufbahn fast bis zu seinem Tod im Jahr 2010 ab. Sie beinhalten neben Druckgrafik auch Postkarten, Plakate, Kataloginserts, Fotografien, Künstlerbücher und Objekte. Das erste Editionswerk ist eine Einladungskarte vom Mai 1963, mit der Polke und seine damaligen Künstlerkollegen Gerhard Richter, Manfred Kuttner und Konrad Lueg zur Eröffnung einer „demonstrativen Ausstellung“ mit „Know-Nothing Genre“, „New Vulgarismus“, „Dada“, „Antikunst“ und „Junk Culture“ einluden. Die Künstler gründeten die Schule des „realistischen Kapitalismus“. Sie nahmen damit ironisch den „sozialistischen Realismus“ aufs Korn, den die DDR von ihren Künstlern forderte. Und sie formulierten ihre Kritik an der Kunst der 1950er-Jahre im Westen, die – als Reaktion auf die gegenständliche Blut-und-Boden-Kunst der Zeit des Nationalsozialismus – zu jener Zeit abstrakt bis völlig inhaltsleer zu sein hatte.

Polke und Kollegen griffen die amerikanische Pop Art auf und konterkarierten sie gleichzeitig. Polke vermied beispielsweise bewusst die Ambivalenz zwischen Kritik und Affirmation, die vielen Pop-Art-Werken dieser Zeit eigen war – seinen Arbeiten fehlt das Glatte dieser Bilder. Er trennte die Ausgangsmotive, die er für seine Arbeiten wählte, von der Werbebotschaft und vergrößerte, rasterte und collagierte sie so, dass darin enthaltene Klischees potenziert und damit lächerlich gemacht wurden. So legte er etwa quer über ein Wochenendhaus eine überdimensionierte Blumenranke, die an Stacheldraht erinnert. Oder: Ein Pärchen sitzt mit eingefrorenem Zahnpasta-Reklame-Lächeln vor der obligatorischen Schrankwand – mit Fernseher, aber ohne Bücher. Die Spießigkeit und Ödnis eines Betriebsfestes macht er dingfest, indem er die gezwungen lachenden Feiernden aus den Blättern eines riesigen Bogenhanfs heraussprießen lässt, einer Zimmerpflanze, wie sie einst in fast jedem bundesdeutschen Büro und Wohnzimmer stand.

Polkes Neugier und Experimentierfreudigkeit ist in allen seinen Arbeiten zu spüren. Er verwendete alle möglichen und unmöglichen Untergründe, von „normalem“ Papier oder Karton bis zu gemustertem, glänzendem Geschenkpapier oder solchem mit Eidechsenprägung. Er verarbeitete Velourspapier, Reproduktionsfilmmaterial oder – wie bei „Sechs Richtige“, einer Arbeit für seinen Künstlerfreund und wichtigsten Verleger Klaus Staeck – Gitterfolie. Durch die Verwendung von Sieb- und Offsetdruck auf diesen strukturierten Untergründen werden die einzelnen Rasterpunkte sichtbar, die auch für Polkes Malerei als Markenzeichen gelten. Durch Collagieren, Kolorieren oder Veränderung einzelner Bildelemente verwandelt er die Drucke häufig in Unikate. Er liebte Fehler und Zufälle und ließ sich von ihnen anregen, weitere Arbeitsschritte vorzunehmen.

Empfehlenswert ist es, sich nach einem ersten Rundgang Zeit für das in einem Raum neben dem Ausstellungseingang gezeigte Video zu nehmen, das ein Gespräch zwischen dem Drucker und Galeristen Mike Karstens, der mit Polke befreundet war, und der Kuratorin der Ausstellung, Tereza de Arruda, wiedergibt. Vielerlei interessante Aufschlüsse über die Arbeitsweise Polkes sind dabei zu gewinnen, die bei einer weiteren Runde durch die Ausstellung für Aha-Effekte sorgen.

Sigmar Polke – die Editionen. me Collectors Room Berlin/Stiftung Olbricht. Auguststr. 68, 10117 Berlin. Bis 27. August 2017, dienstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr, Eintritt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. www.me-berlin.com

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