Stiftungen und Berlin – eine gute Verbindung

Die Berliner Stiftungswoche zeigt das breite Spektrum, in dem sich Stiftungen in der Hauptstadt engagieren. Ein Bericht

Von Karin Kohler und Christina Rau

02.06.2017 – DER HAUPTSTADTBRIEF in der Berliner Morgenpost

Karin Kohler ist bei der Weberbank Berlin tätig. Die Juristin betreut bei der Stiftung Zukunft Berlin federführend das Projekt „Stiftungshauptstadt Berlin“. Christina Rau studierte Internationale Politik. Die ehemalige First Lady ist vielfältig ehrenamtlich engagiert. Von 2011 bis 2017 war sie Schirmherrin der Berliner Stiftungswoche. Für den HAUPTSTADTBRIEF stellen sie die Berliner Stiftungswoche vor, die im April 2017 zum achten Mal stattfand.

Berlin ist auf dem besten Wege dazu, Deutschlands Stiftungshauptstadt zu sein. Immer mehr Stiftungen werden hier gegründet – waren es 2010 noch 689 Stiftungen, so sind es aktuell bereits 907. Ein enormer Zuwachs also. Dazu, dass in Berlin ein so stiftungsfreundliches Klima herrscht, trägt nicht zuletzt die jährlich stattfindende Berliner Stiftungswoche bei. 2017 fand sie zum achten Mal in Folge statt. Es ist jetzt zehn Jahre her, dass sich die Berliner Stiftungsrunde zu ihrer Gründungssitzung traf – damals initiiert von der Stiftung Zukunft Berlin und vom Bundesverband Deutscher Stiftungen. Die Intention war, dass die Stiftungen in Berlin in engeren Austausch kommen und trotz der unterschiedlichen Stiftungszwecke gemeinsam ein Projekt realisieren. Es entstand die Idee, die Stiftungsarbeit selbst zum Thema zu machen. Das war die Geburtsstunde der Berliner Stiftungswoche, die 2010 erstmals in Aktion trat. Es gibt viele Bürgerinnen und Bürger in unserer Stadt, die keine direkten Berührungspunkte zu Stiftungen haben und denen gar nicht bewusst ist, dass Stiftungsarbeit durchaus auch in ihren Alltag hineingreift und was Stiftungen eigentlich alles bewirken. Die Stiftungswoche sollte ein Format sein, das den Berlinerinnen und Berlinern, aber auch den Gästen der Stadt zeigt, was Stiftungen alles leisten. Gleich im ersten Jahr haben sich über 100 Stiftungen beteiligt.

„Was uns zusammenhält“, das Motto der Stiftungswoche vom April 2017, spiegelt wider, wie notwendig heute ein starkes zivilgesellschaftliches Engagement ist; denn in den beiden zurückliegenden Jahrzehnten sind die sozialen Spannungen in Deutschland gestiegen.

Die Stiftungswoche ist sich seither treu geblieben, hat sich aber kontinuierlich weiterentwickelt. Sie ist beispielsweise dazu übergegangen, jährlich ein Schwerpunktthema zu definieren. 2017 Jahr lautete es „Was uns zusammenhält“. Aktueller kann man angesichts der derzeitigen gesellschaftspolitischen Lage mit einem Schwerpunktthema nicht sein. Es zeigt, wie notwendig ein starkes zivilgesellschaftliches Engagement ist. Denn in den zurückliegenden Jahrzehnten ist Deutschland vielfältiger und bunter geworden, zugleich sind aber auch die sozialen Unterschiede gewachsen. Das schwächt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das sorgt für Ängste und hemmt die Zuversicht, die wir brauchen, damit unser Land sich im Interesse aller, die hier leben, gut entwickeln kann. Stiftungen können wichtige Beiträge dazu leisten, das Bewusstsein dafür zu wecken und zu schärfen, dass Vielfalt eine große Chance ist.

Und so funktioniert es: Die Stiftungen führen ihre Veranstaltungen und Ausstellungen in Eigenregie durch, quer über die ganze Stadt verteilt. Es gibt kaum einen Bezirk, in dem nichts stattfindet. Davon zeugen alljährlich das umfangreiche Programmheft und der Online-Kalender. Als zusätzliche Klammer gibt es zwei gemeinsame Veranstaltungen, die sich besonders stark auf das Schwerpunktthema beziehen. Damit wollen die Veranstalter jeweils einem aktuellen Anliegen einen besonderen Raum bereiten. Diskussionen, die in der Gesellschaft geführt werden, aktuelle Trends oder zeitlose Fragen sind es, die Anstöße aus der Stiftungswelt erhalten sollen.

Die Kombination aus gemeinsamen Debatten und dezentralen Veranstaltungen der teilnehmenden Stiftungen zeichnet die Stiftungswoche als „Event-Format“ aus. So lag die Entscheidung nahe, aus der Projektidee eine stabile Größe zu machen. Inzwischen sind 30 Stiftungen und stiftungsnahe Verbände in der Berliner Stiftungsrunde vertreten. Die Ziele sind gleich geblieben, und der Zuspruch ist von Jahr zu Jahr gewachsen. Anfang 2013 erfolgte die Gründung der Berliner Stiftungswoche gGmbH. Gemeinsam sorgen deren Gesellschafter dafür, das Engagement der Stiftungen in der Hauptstadt sichtbar zu machen.

Nach wie vor ist kaum bekannt, dass immer mehr Stiftungen in Berlin eine Hauptstadtrepräsentanz eröffnen oder auch Projekte ermöglichen, ohne hier ansässig zu sein. Indem die Stadt für Stiftungen attraktiver wird, entsteht aus dem gewachsenen Engagement ein Mehrwert für Berlin. Bei den Stiftungen wird das Bewusstsein dafür geschaffen, dass sie durch ihre Projekterfahrungen, aber auch als Pool für die Mitwirkung von Bürgerinnen und Bürgern zur Verbesserung von politischen Entscheidungen beitragen können. Die Berliner Stiftungswoche hat auch in anderen Städten wie Hamburg und München Interesse geweckt, etwas Gemeinsames zu schaffen. Diese Städte, in denen große Stiftungen beheimatet sind, haben ähnliche Formate entwickelt, beispielsweise den Münchener Stiftungsfrühling.

Sehr wichtig ist für uns bei der Berliner Stiftungsrunde, dass zu einem geringen Teilnahmebeitrag alle Stiftungen teilnehmen können, die das wollen. Auch kleinere Stiftungen mit ihrem großen Engagement für die Gesellschaft sollen einbezogen werden. Bei der Darstellung im Programm gibt es keinen Unterschied. Und die großen Stiftungen gleichen aus, was die kleinen und weniger finanzkräftigen nicht leisten können.

Die diesjährige Stiftungsrede hat Altbischof Wolfgang Huber gehalten, gleich am Tag nach der Auftaktveranstaltung. Über 500 Zuhörer wollten erfahren, wie seine Sicht zu den aktuellen Aspekten des diesjährigen Schwerpunktthemas „Was uns zusammenhält“ ist. „Der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbröselt, die Polarisierung schreitet fort. Bloßer Schlagabtausch reicht nicht mehr – Kommunikation ist nötig. Ohne gelebte Haltungen gibt es keinen Zusammenhalt“, so Wolfgang Huber.

Die politischen Debatten haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert, sind deutlich aggressiver geworden. Die Lautstärke zählt oft mehr als der Austausch von Argumenten, vor allem auch in den sozialen Medien. Gefühle scheinen wichtiger als überprüfbare Fakten. Doch was bleibt, wenn eine Gesellschaft immer mehr auseinanderdriftet? Das Schwerpunktthema 2017 der Berliner Stiftungswoche lenkte den Blick auf diese großen aktuellen Herausforderungen an unser gesellschaftliches Miteinander – als optimistisches Bekenntnis in politisch aufgewühlten Zeiten: für Gemeinsinn und Zuversicht.

Was uns zusammenhält – dabei schwingt auch mit, was wir tun können, um mehr Zusammenhalt zu erzielen, wo dies notwendig ist. Gleichzeitig wollte die diesjährige Stiftungswoche dazu ermutigen, Unterschiede auszuhalten, konstruktiv miteinander zu streiten und die gegenwärtige Suche nach neuer Orientierung als Chance zu begreifen. Mit Initiativen wie beispielsweise „Pulse of Europe“ oder „Die offene Gesellschaft“ und nicht zuletzt mit unserer eigenen Stiftung Zukunft Berlin gibt es bereits ermutigende Beispiele. Gerade Stiftungen sorgen dabei als wichtige Stimmen der Zivilgesellschaft für viele positive Impulse, die Mut machen und anstecken – für ein funktionierendes Miteinander.

Die Stiftung Zukunft Berlin hat in diesem Jahr im Rahmen der Stiftungswoche gemeinsam mit der Radial Stiftung mit einer Diskussion mit Kultursenator Klaus Lederer zum Thema „Was uns zusammenhält – natürlich Kultur“ bei einer vierstündigen Veranstaltung im Kultur- und Veranstaltungszentrum Radialsystem ein großes Publikum erreicht. In vier Workshops wurden Querschnittsbeziehungen von Kunst und Kultur diskutiert. Eine weitere Veranstaltung mit dem Titel „Partizipation 4.0: Bürgerschaft als größte Ressource der Stadt“ fand in Kooperation mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) statt.

Auch in den nächsten Jahren wird es eine Fortsetzung der Berliner Stiftungswoche geben. Die Initiative wird von den Stiftungen selbst getragen und unterscheidet sich damit vom Berliner Stiftungstag, zum dem der Berliner Senat die Stiftungen zur Präsentation ihrer Arbeit ins Rote Rathaus einlädt. Das Schwerpunktthema der Berliner Stiftungswoche 2018 wird noch bestimmt, aber der Termin steht bereits fest: 17. bis 27. April 2018.

Die Stiftung Zukunft Berlin, in der sich unsere Autorinnen Karin Kohler und Christina Rau engagieren, ist ein unabhängiges Forum für bürgerschaftliche Mitverantwortung zum Wohle Berlins. Mehr über die Aktivitäten der Stiftung unter www.stiftungzukunftberlin.eu

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