Der erste Märtyrer der Bekennenden Kirche

Alle Welt kennt Dietrich Bonhoeffer, viele kennen Martin Niemöller – doch wer war Friedrich Weißler? Eine Antwort

Von Manfred Gailus

02.06.2017 – DER HAUPTSTADTBRIEF in der Berliner Morgenpost

Prof. Dr. Manfred Gailus lehrt Neuere Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin und ist Spezialist für das Thema „Glaube, Kirchen und Religion im Dritten Reich“. Für den HAUPTSTADTBRIEF erinnert er im Luther-Jahr an den 80. Jahrestag der Ermordung des Juristen Friedrich Weißler, einer von wenigen Protestanten im Widerstand gegen Hitler.

Das Luther-Jahr 2017 bringt allerhand Neues über Wirken und Wirkung Martin Luthers zum Vorschein, und in Berlin lässt sich das besonders leicht in Augenschein nehmen. Zwei Ausstellungen, direkt nebeneinander im Zentrum der Stadt, laden zur Besichtigung ein. Das Deutsche Historische Museum zeigt im Martin-Gropius-Bau die Strahlkraft der Reformation, den „Luthereffekt“, das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors erinnert an deren unerwünschte Nachwirkungen, an „Martin Luther im Nationalsozialismus“ (siehe Infokasten).

Sommer 1932: „Ich stand jetzt auf der Höhe des Lebens.“ Landgerichtsdirektor Friedrich Weißler mit seinen beiden Söhnen Ulrich und Johannes. Keine fünf Jahre später, im Februar 1937, fand man den Vater im Konzentrationslager Sachsenhausen leblos in seiner Zelle liegend.

Zu den unerwünschten Nachwirkungen gehört eine Episode, die sich in jenen Jahren zutrug, auch sie hat einen runden Jahrestag, deshalb soll sie hier erzählt werden. Am 9. März 1933 drangen Angehörige der Regierungspartei NSDAP, begleitet von SA und Stahlhelm (Bund der Frontsoldaten), in das Landgericht Magdeburg ein und hissten auf dem Balkon die Hakenkreuzfahne und die alte Reichsflagge Schwarz-Weiß-Rot. Mit Gewalt zerrten sie den im Hause tätigen Landgerichtsdirektor Friedrich Weißler herbei und zwangen ihn, vor einer unten auf der Straße versammelten Volksmenge die beiden Fahnen zu grüßen und sich am Absingen des Deutschlandliedes zu beteiligen.

Noch am selben Tag bat Weißler seinen Vorgesetzten, den Gerichtspräsidenten des Landgerichts Magdeburg, um Schutz: „Ich erblicke in dem Verhalten der SA-Leute eine strafbare Nötigung und bitte, mich in Schutz zu nehmen. Freiwillig hätte ich der Feier nicht beigewohnt, da ich mit Beschimpfungen gegen mich rechnen musste und in ein Hoch auf Hitler nicht einstimmen wollte.“ Am Tag darauf wurde der nach damaliger Sprachregelung „nichtarische“ Richter vom Dienst suspendiert. Er musste der Gewalt weichen. Das Landgericht konnte oder wollte seinen Direktor im März 1933 gegen derartige Gewaltangriffe nicht mehr schützen.

Weißlers Rauswurf geschah knapp einen Monat vor Erlass des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933, dessen Bestimmungen bei der endgültigen Entlassung gegen ihn geltend gemacht wurden. Als Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs, der er war, konnte der so genannte Arierparagraf gegen ihn nicht herangezogen werden. Stattdessen begründeten die neuen Machthaber seine Entlassung mit § 4 „politische Unzuverlässigkeit“, ohne dafür einen Beleg zu erbringen.

Friedrich Weißler, geboren 1891, stammte aus einer jüdischen Familie und war in früher Kindheit getauft worden. Er wuchs in Halle (Saale) als jüngster Sohn des renommierten Juristen Adolf Weißler auf. Schon früh trat er in die Fußstapfen seines Vaters und begann eine viel versprechende juristische Karriere. Nach wechselnden Positionen als Richter wurde er 1932 zum Landgerichtsdirektor in Magdeburg berufen. Auch privat hatte er Fortüne. 1922 heiratete er die Pfarrerstochter Johanna Schäfer. Zwei Söhne wurden dem Ehepaar 1925 und 1928 geboren. Weißler selbst resümierte in einem späteren Lebensrückblick: „Ich stand jetzt auf der Höhe des Lebens.“

Während die deutschen Protestanten das Jahr 1933 im Allgemeinen als wunderbares Wendejahr begrüßten, waren beruflicher Absturz und soziale Exklusion die Haupterfahrung des evangelischen Christen Weißler und seiner Familie. Die Stadt Magdeburg mussten sie nach dem gewaltsamen Rauswurf aus dem Amt nahezu fluchtartig verlassen. Zahlreiche Freundschaften und berufliche Beziehungen brachen ab. Die vierköpfige Familie ließ sich in Berlin nieder, wo die Weißlers im Charlottenburger Westend eine ansprechende Wohnung fanden. In der Hauptstadt schloss sich der berufslose Landgerichtsdirektor der Bekennenden Kirche an. Als versierter Jurist wurde er dort auch als Rechtsberater aktiv.

In seiner Eigenschaft als Büroleiter der Kirchenkanzlei war er im Frühjahr 1936 an Beratungen der Kirchenleitung über eine vertrauliche Denkschrift an Reichskanzler Hitler beteiligt. Grundtenor dieser Denkschrift war die ernste Sorge der Kirchenopposition über die staatlich forcierte Entchristlichung der deutschen Gesellschaft. Durch Indiskretionen erschien dieser geheime Denkschrifttext vor jeder Reaktion des Reichskanzlers in ausländischen Zeitungen und brachte die politisch loyale Bekennende Kirche in arge Erklärungsnöte. Neben anderen Personen geriet auch Weißler in Verdacht, diese Auslandsveröffentlichungen veranlasst zu haben. Spätabends am 7. Oktober 1936 klingelte die Gestapo in der Charlottenburger Meiningenallee an seiner Wohnungstür und lieferte den Landgerichtsdirektor a.D. in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz ein.

Die wochenlangen Polizeiverhöre brachten brisante Details zu Tage. In Verbindung mit Werner Koch, einem jungen Vikar Dietrich Bonhoeffers, und dessen Freund Ernst Tillich, hatte Weißler kirchenpolitische Informationen an ausländische Presseleute geliefert, darunter auch einen Entwurf der vertraulichen Denkschrift. Es sei Wunsch der Christen im Ausland gewesen, so rechtfertigte sich Weißler gegenüber der Gestapo, mehr über die kirchlichen Konflikte in Deutschland zu erfahren. Strafbar waren seine Aktivitäten auch nach damaliger Rechtslage nicht. Für eine erfolgreiche Anklage reichten die polizeilichen Erkenntnisse nicht aus. Am 13. Februar 1937 wurden die drei „Schutzhäftlinge“ in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert.

Knapp eine Woche später, am 19. Februar 1937, fand man Friedrich Weißler leblos in seiner Zelle liegend. Wie präzise staatsanwaltliche Ermittlungen ergaben, war der „Nichtarier“ Weißler Opfer eines aus wenigen SS-Wachmännern bestehenden Totschlägerkomplotts geworden. Die Täter wussten nichts von Weißlers Biografie, auch nicht von seiner Verstrickung in die Affäre um die geheime Denkschrift der Bekennenden Kirche. Maßgeblich für sie war allein der Umstand, dass es sich bei Weißler, dem bekennenden Christen, in ihren Augen um einen „Juden“ handelte. Er war Opfer eines extremen Ausbruchs antisemitischer Gewalt geworden.

Helden und Märtyrer – auch die deutschen Protestanten brauchen sie in ihrer Erinnerungskultur. Und sie brauchen sie besonders für eine so schwierige Zeit wie die des Nationalsozialismus, als geistige Mittäter und Komplizen in der Theologie und auf den Kirchenkanzeln das Erscheinungsbild der Evangelischen prägten. Protestantische Helden sind rar. Alle Welt kennt Dietrich Bonhoeffer, viele kennen Martin Niemöller – doch wer war Friedrich Weißler? Es ist bis auf den heutigen Tag erstaunlich, wie unbekannt er während acht Nachkriegsjahrzehnten geblieben ist. In der Hauptstadtkirche bekommt man auf die Frage nach Friedrich Weißler nicht selten die Antwort: keine Ahnung, noch nie gehört.

Auch fehlt es an nachhaltigen Zeichen kirchlichen Gedenkens. Acht Jahrzehnte nach seinem Tod gibt es keine kirchliche Einrichtung in Berlin, der Heimatkirche Friedrich Weißlers, die seinen Namen trägt. Doch in einer Erklärung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 19. Februar 2017 zum 80. Todestag von Friedrich Weißler plädiert deren Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm nun für ein Sichtbarmachen Weißlers in der kirchlichen Erinnerungskultur: „Friedrich Weißler ist in einer Zeit himmelschreienden Unrechts für eine klare Positionierung der Kirche gegen Antisemitismus und die Konzentrationslager eingetreten. Er hat dafür mit seinem Leben bezahlt. Die Erinnerung an diesen ersten Märtyrer der Bekennenden Kirche ist für uns als Kirche Verpflichtung, aus der Geschichte zu lernen und heute in aller Klarheit für die Menschenwürde einzutreten.“ Ein deutliches Wort im Luther-Jahr 2017, das aus einer Episode in dunkler Zeit eine erhellende Erinnerung machen könnte.

Unser Autor Prof. Manfred Gailus, auf dessen Anregung auch die Ursprünge der Ausstellung „Überall Luthers Worte“ zurückgehen, hat einen der wenigen protestantischen Neinsager zum Nationalsozialismus wiederentdeckt und ihm mit einem Buch ein Denkmal gesetzt: Friedrich Weißler. Ein Jurist und bekennender Christ im Widerstand gegen Hitler. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017. 316 Seiten mit 31 Abbildungen, gebunden 30 Euro, als E-Book 23,99 Euro. www.v-r.de

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