Das ausländische Virus

Der US-Präsident irrlichtet im Moment der großen Krise

Von Ines Pohl

15.03.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Ines Pohl ist Chefredakteurin der Deutschen Welle. Sie war Korrespondentin des Auslandsrundfunk in den USA und von 2009 bis 2015 Chefredakteurin der taz.

Das hatte sich Donald Trump alles ganz anders vorgestellt. Die Demokraten sollten sich möglichst lange mit sich selbst und der Suche nach dem Präsidentschaftskandidaten beschäftigen und auf diesem zähen Weg seinen Herausforderer ordentlich beschädigen. Die Wirtschaft, so sah es bis vor Kurzem noch aus, sollte dank der Vorarbeit durch Barack Obama und heftiger Steuersenkungen gute Zahlen zum Wahltag liefern. Und der so genannte Friedensdeal mit Afghanistan würde Trump dann sogar noch als erfolgreichen Außenpolitiker zeigen. 

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wähnte sich mit einigem Recht auf der Überholspur in seine zweite Amtszeit. 

Und nun das. Ein „kleiner“ Virus könnte ihn in arge Bedrängnis bringen. Durch Corona sind die Börsen weltweit im freien Fall – es ist noch überhaupt nicht absehbar, wie sich die wirtschaftliche Situation in den USA bis zum Wahltag am 3. November entwickelt haben wird. Klar ist aber schon jetzt, dass das Gesundheitssystem, an dessen Ungerechtigkeit und Unzulänglichkeiten Trump eine große Mitschuld trägt, dem zu erwartenden Ansturm an Kranken nicht gewachsen sein wird. Es wird Tote geben, durchaus möglich, dass die Zahlen in die Hunderte, wenn nicht Tausende gehen. 

Über Bilder von Särgen sind schon andere Präsidenten gestolpert. Das weiß Trump. Und obwohl er zunächst versucht hatte, die Gefahr durch das Virus am Anfang klein zu reden, feuerte er nach Bekanntwerden der ersten Toten mit ganz großem Geschütz. 

Das Killervirus ist ein Angriff von außen. Natürlich. Lebensrettend, so seine Selbstanalyse, seien die harschen Maßnahmen gegen China gewesen. Nun, so der Präsident Mitte dieser Woche, müsse man gegen Europa vorgehen. Konkret sollten alle Einreisen aus den meisten europäischen Ländern untersagt werden. 

Nun könnte man im ersten Augenblick darüber nachdenken, ob es nicht sogar sinnvoll ist, Europäer in den kommenden Wochen nicht in „the greatest country on earth“ zu lassen, um die Verbreitung zu verlangsamen. Es war ja die deutsche Bundeskanzlerin selbst, die ihr Land darauf vorbereitete, dass irgendwann 70 Prozent der Bevölkerung von dem Virus befallen sein könnten. 

Aber Trump wäre nicht Trump, wenn er nicht auch diese reale Gefährdungslage nicht nur als Ablenkungsmanöver vom eigenen Versagen nutzen, sondern auch noch gezielt gegen vermeintliche Feinde schießen würde und treue Verbündete belohnte. Nur so ist es zu erklären, dass er zunächst ankündigte, zwar explizit aus Deutschland niemanden einreisen zu lassen, sehr wohl aber aus Großbritannien. Obwohl dort zum Zeitpunkt seiner Rede deutlich mehr Menschen an dem Virus gestorben waren. 

Nun waren Fakten und plausible Argumente noch nie die Stärke von Donald Trump. Sehr wohl aber Verschwörungstheorien und das Schüren von Panik. 

Dabei wirkt Trump nervös wie lange nicht, seine Tweets noch erratischer und die Haltbarkeit seiner Ansagen noch kürzer. Trump weiß, dass ihm nichts so gefährlich werden kann wie Bilder von Toten und Schwerkranken, die nicht ordentlich versorgt werden. 

Noch versucht er es mit seinem alten Trick, das Land durch Abgrenzung zum Fremden, mit der Angst vor den Gefahren von außen hinter sich zu vereinen. Die strengen Reiseauflagen und Handelsbeschränkungen sind dabei bereits schon jetzt ein gefährlicher Versuch, der die weltweite wirtschaftliche Abwärtsbewegung weiter beschleunigen wird.

Was aber, wenn das nicht reicht? Man muss leider bei diesem Mann mit allem rechnen. Auch dem Schlimmsten.