Süßer Schlaf!

Vergessene Gesundheitsressource: Wie die Immunabwehr Infektionen abwehrt und im Fall einer Infektion die Regeneration fördert 

Von Thea Herold

22.03.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Thea Herold ist Autorin, Coach und Dozentin, Mitgründerin der Schlafakademie Berlin, Vorstandsmitglied Deutsche Stiftung Schlaf.

Mit jedem Tag wachsen die Sorgen und steigt der Druck, den die Corona-News erzeugen. Sie rauben uns buchstäblich den Schlaf: Ausgangssperren beginnen, die Autoproduktion steht still. Das Kulturleben ist lahmgelegt, die Fußball-EM ist verschoben und der Katastrophenschutz verteilt Essenspakete an LKW-Fahrer beim Anstehen an der Grenze. 

Auch eine lange vorbereitete Aktion der Deutschen Stiftung Schlaf ist vorerst gestoppt, mobile Schlafberatung in verschiedenen Städten Deutschlands an die Öffentlichkeit zu bringen. Denn wir brauchen gerade jetzt starkes Vertrauen in dieses Drittel unseres Lebens. Wir brauchen Vertrauen in die Kräfte des Schlafes und brauchen gutes Wissen, wie wir gerade in Krisenzeiten unsere Schlafgesundheit pflegen und schützen. Und es muss Hilfe dafür geben, um sie wiederherzustellen, wenn sie uns verloren geht.  

So paradox es klingt: Gerade in diesen Tagen und Wochen ist möglichst ausreichend zu schlafen eine starke Präventionsmaßnahmen. Die Immunabwehr kann dann so bestens Infektionen abwehren und im Fall einer Infektion unterstützt uns der Schlaf bei der Regeneration. 

Außerdem brauchen wir den Schlaf für neue Kräfte, für gutes Gedächtnis, für Kreativität. Gerade jetzt, da uns für die akuten Anpassungen schnelles Umdenken und Anpassungsleistungen im Übermaß abverlangt werden, brauchen wir Schlaf. 

Schlaf war immer eine unersetzbare Gesundheitsquelle. Aber die 24/7-Taktung hat die Wertschätzung des Schlafes vergessen lassen; fehlt deshalb die Empfehlung „Schlafen Sie – so gut Sie können“ bis heute auf in den Corona-Hilfestellungen aus dem Gesundheitsministerium. Sie gehört dort aber genauso hin wie Händewaschen, Eingrenzen der Sozialkontakte, Einstellen auf die Bedingungen von Zuhause-Sein und Weiterarbeiten. Wird diese unsichtbare Gegenkraft beim Kampf gegen eine unsichtbare Epidemie einfach vergessen? 

Wir müssen auch bei diesem Thema Umdenken. Lange hatte uns ein geliebter Begriff fürs Lebensglück in die Irre geführt: Work-Life-Balance. Aus diesem linguistischen Denkfehler zog ein Einrichtungshaus schon im vergangenen Herbst gigantischen Marketingschwung und addierte zum Wortensemble den Schlaf:  „Work-Life-Sleep-Balance“.

Diese Formel wurde zwar ein gigantischer gelb-blauer Werbefeldzug für die Bettenabteilung. Doch allein ein neues Schlafzimmer, frische Matratzen, Bettkomfort in Form und Farbe der Saison, bringt es nicht. Es sind auch nicht die smarten Sleep-Apps, die uns glücklicher machen. Wir brauchen ein ganzheitliches Verständnis für die enorm wichtige Rolle des Schlafens im Leben. Wenn wir aufhören, dass ein Sich-Ausschlafen oder Power-Nap, dass eine angemessene Pausenkultur mit Schlendrian-Image betrachtet wird, erst dann beginnen wir diese Ressource zu nutzen. 

„Wir haben über den Schlaf in den letzten 60 Jahren mehr gelernt als in 6000 Jahren zusammen.“ Schon zur Jahrtausendwende appellierte William Dement, einer der Pioniere der wissenschaftlichen Schlafforschung, für einen anderen Umgang mit dem Schlaf und forderte dazu auf, das Wissen in die Gesellschaft zu tragen. Gutes Schlafen ist beste Prävention. Doch unsere Gesellschaft ist übermüdet. Bis heute fehlt der angemessene Platz dafür in der Gesetzgebung für Präventionsmaßnahmen, er spielt in den Ausbildungsplänen der Medizinstudenten eine marginale Rolle.

Es herrscht noch immer Wahrnehmungs-Notstand für den Schlaf als Lebensquelle und Gesundheitsschutz. So fehlt das Thema Schlaf auch auf der Liste, die an die erforderlichen Vorbeugungsmaßnahmen gegen den Coronavirus erinnern. Nehmen wir es in die eigene Hände: „Schlaf dich gesund“ – so wie es uns die Großeltern gesagt haben, so sagen wir es nun weiter. Per Mail, per Messanger, mit FaceTime, WhatsApp oder Skype. Am besten per Telefon. Und Sonntagabend um 19 Uhr werden wir auf dem Balkon stehen und für alle, die in diesen Tagen das Land am Laufen halten, hellwach sein, laut Danke sagen und klatschen.