Keine Solonummer auf der Bühne des Lebens

Die überraschenden Entdeckungen, die wir zum Osterfest in diesem Jahr machen könnten

Von P. Hermann Breulmann SJ

12.04.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Der Jesuitenpater P. Hermann Breulmann SJ war Hochschulseelsorger in Hamburg, Geistlicher Rektor des Cusanuswerks, Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin bis 2003, Rektor des Berchmanskollegs in München und bis 2010 Kirchenrektor in St. Michael in München.

Ignatius von Loyola, der Gründer des Ordens, zu dem ich gehöre, schlägt vor, sich für die Betrachtungen seines Lebens jeweils den Schauplatz, die Bühne vorzustellen, auf der wir gerade spielen und uns bewegen. Sein Vorschlag kommt mir in den Sinn, auch die Ostertage für eine solche Meditation der Lebensbühne an Ostern 2020 zu nutzen.

In diesem Jahr bewegen wir uns in besonderer Weise auf einer globalen Bühne, die Corona heißt. Unser Schauplatz ist geprägt von einer krisenhaften Welt. Jede und jeder von uns hat im Drehbuch 2020 die Stichworte soziale Distanz, Disziplin, Solidarität und Mitsorge für andere Menschen stehen, Rollen, die wir in dieser Art noch nie gespielt haben. Und zugleich hat die Lebensbühne an Ostern ein ungleich kleineres Ausmaß. Die eigene Wohnung, der eingeschränkte Bewegungsradius, die Abwesenheit lieber Mitspieler, die wir in diesen Tagen gern mit und neben uns hätten. Die Drehbücher werden trotz allem von Elementen grundlegender Wiederholungen und Erfahrungen zeitloser Geltung geprägt sein. Geborenwerden und Sterben, Verlieren und Finden, Vergessen und Erinnern, Schuld und Vergebung, Licht und Dunkel.

Dabei müssen wir die Drehbücher nicht wörtlich wiederholen oder nur auswendig lernen, sondern wir könnten sie in besonderer Weise mit unseren eigenen Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen profilieren und ausfüllen. Ostern könnte uns eine überraschende Entdeckung lehren, dass wir einen Spielraum haben, all das Auferlegte unserer Rollen in einen neuen Spielraum aktiver Gestaltungsmöglichkeiten umzuwandeln, unsere Drehbücher in einem neuen Licht zu sehen. Karl Marx sagte einmal, was auf der Bühne gespielt würde, hänge auch von den Beleuchtungsverhältnissen ab. In diesem Jahr werden die Osterkerzen und deren Licht in leeren Kirchen entzündet werden – ein besonderes Licht. Nicht das übergrelle Licht der Ausleuchtung und der Transparenz, sondern ein diskretes Licht, das uns auch unsere eigene geheime Lebenszeit spüren und erfahren lässt.

Und dann die Frage: Für wen spielen wir? Und mit wem? Leuchten wir nur für uns selbst oder gilt dieses Licht auch den Mitspielern, für die wir Sorge tragen und die für uns sorgen? Als der Komponist Johannes Brahms gefragt wurde, was er bei der Komposition des Requiems empfunden habe, lautete seine Antwort: Kein Licht am Ende des Tunnels, bis ich merkte, dass ich ein Licht auf meinem Rücken trage, das anderen leuchtet. Auch diese Erfahrung können wir machen auf unserer Osterbühne 2020.

Und vor wem spiele ich? Coram Deum nannten es die alten geistlichen Spielmeister – vor dem letzten undefinierbaren Geheimnis, das glaubende Menschen Gott nennen. Die Ostererfahrung könnte uns an diesen unverfügbaren Horizont erinnern, vor dem wir auf die Bühne treten. Ernsthaft spielen, auch das könnten wir neu begreifen in diesem Jahr: Ohne wahren Einsatz bliebe unser Lebensspiel nur eine abstrakte Solonummer, die ohne Antwort bliebe auf die Frage, für wen und mit wem wir spielen. Das Drehbuch muss aufgeführt werden– das geht nicht ohne Zuversicht und die Hoffnung auf eine Ermutigung, die uns entgegenkommt. Das Licht der Osterkerze kommt uns entgegen, relativiert unsere Tendenz zum Soloauftritt und zur Egonummer, was uns oft vergessen lässt, dass es viele Mitspieler braucht, um ernsthaft das Spiel der Hoffnung zu spielen und das Gelingen der gemeinsamen Aufführung möglich werden lässt.

Und wo bleibt Gott? Er könnte der diskrete Souffleur in der Kiste sein, der auf überraschende Weise da ist, besonders dann, wenn wir meinen, den Text vergessen zu haben oder nicht mehr zu wissen, wofür wir eigentlich spielen. Dieser österliche Souffleur könnte uns immer wieder Stichworte der Hoffnung, des Trostes und der Zuversicht zuflüstern, wenn wir abbrechen wollen oder nur noch zu stottern meinen. Er würde uns ermuntern, ernsthaft und mit Einsatz zu spielen und uns die Zuversicht schenken, dass wir nicht ängstlich darauf fixiert sein sollen, das Leben nicht zu verspielen, sondern dass die Chancen viel größer sind, es im Vertrauen auf Ihn zu gewinnen.

Und wer spricht das letzte Wort über unser Leben auf der Bühne unserer Zeit und unseres Lebens? Dieses letzte Wort stünde keiner irdischen Instanz, keinem noch so großen Applaus oder auch dem Misserfolg zu, nicht einmal unseren Selbstzweifeln – sondern dem Gott des Lebens, der uns mit Erbarmen und Güte entgegenkommt – wie an Ostern.