Solidarität, systemrelevant

Kein Vertun: Was jetzt getan werden muss, um Frauen vor häuslicher Gewalt zu schützen

Von Anne Wizorek

26.04.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Anne Wizorek ist freie Beraterin für digitale Strategien und Autorin. Ihr Twitter Handle ist @marthadear.

Als Frauenorganisationen aus dem chinesischen Wuhan im März berichteten, dass Fälle häuslicher Gewalt während der Coronaquarantäne zugenommen hätten, war das leider eine absehbare Entwicklung. Dreimal so viele Opfer registrierte die Polizei dort, andere Länder wie Frankreich, Spanien oder Mexiko bestätigen seitdem nach und nach ähnliche oder noch schlimmere Zahlen.

PICTURE ALLIANCE/ZUMA PRESS

Keine Gewalt: Eine französische Demonstrantin am Internationalen Frauentag am 8. März.

Die Coronapandemie trifft auf die seit langem vorherrschende Pandemie der häuslichen Gewalt. Auch in Deutschland ist diese Tendenz zu beobachten: So verzeichnete das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ einen Zuwachs an Beratungsnachfragen um 17,5 Prozent (im Vergleich zum Vorjahr). Bereits ohne Coronakrise hat jede vierte in Deutschland lebende Frau häusliche Gewalt erfahren. Im Jahr 2018 wurden 122 Frauen von ihrem (Ex-)Partner sogar getötet – das bedeutet an jedem dritten Tag ein Todesopfer.

Die Beratungsstellen arbeiten am Limit, was Personalaufstellung, ihre Ausstattung und insbesondere die Finanzierung betrifft. Viele hangeln sich von Förderantrag zu Förderantrag, kommen gerade so über die Runden, um dann doch nicht genügend Kapazitäten für alle Anfragenden zu haben. Dringend geboten sind die notwendigen finanziellen Mittel, ist Geld – und der politische Wille, schnell und nachhaltig zu handeln. Gewaltschutz ist systemrelevant, und in der Krise rächt sich umso mehr, dass die Bekämpfung von Gewalt bislang kaum Priorität hat.

Das Bundesfamilienministerium versprach vor kurzem immerhin eine bessere technische Ausstattung für Frauenhäuser und -beratungsstellen, damit diese auf die nötige Telefon-, Online- und Videoberatung umstellen und den Datenschutz der Betroffenen gewährleisten können. Langfristig sind über ein Bundesprogramm ein Ausbau und Modernisierungen bis zum Jahr 2023 geplant, was allerdings auch erst mal auf Eis liegen dürfte.

Was wir jetzt brauchen, sind vor allem kurzfristige, kreative Lösungen. Dabei müssen gerade auch Länder und Kommunen aktiv werden. Denn wenn der eigene Bewegungsradius durch Corona eingeschränkt ist, alle Wege außerhalb der Wohnung vielleicht noch durch eine Spionage-App überwacht werden und das Umfeld wegschaut, wird es für Betroffene umso gefährlicher.

In Spanien und Frankreich gibt es solche Initiativen bereits. In Apotheken kann zum Beispiel mit einem bestimmten Codewort signalisiert werden, direkt die Polizei anzurufen. In Supermärkten werden Informationen ausgehängt oder kleine Beratungsstellen eingerichtet. Hotels und Ferienwohnungen werden zum Teil auch in deutschen Städten schon für Betroffene als Zufluchtsorte zur Verfügung gestellt. Der Platz ist jedenfalls da. Es muss nur der Wille vorhanden sein, ihn auch zur Verfügung zu stellen. Selbiges gilt im Übrigen für geflüchtete Menschen, die endlich allesamt aus den Lagern in Griechenland herausgeholt und in Sicherheit gebracht werden müssen.

All diese Maßnahmen wären schon „vor Corona“ eine gute Idee gewesen, und falls sie in Deutschland flächendeckender ankommen, wäre es unbedingt geboten zu prüfen, ob sie nicht auf Dauer beibehalten werden könnten. Betroffene erhalten so Informationen und unkomplizierte Hilfe – Nicht-Betroffene werden aufgeklärt, wie sie im Fall der Fälle helfen können.

Neben den politischen Maßnahmen dürfen wir nämlich nicht vergessen, wie wichtig auch Zivilcourage ist. Betroffenen fehlen gerade viele Möglichkeiten, Signale nach außen zu senden, dass etwas nicht stimmt. Außenstehende müssen also sensibel für entsprechende Anzeichen sein. Ein offenes Ohr, eine zugesteckte Telefonnummer, ein Klingeln an der Tür: Selbst kleine Gesten können schon helfen, die Gewaltspirale ein Stück weiter zu durchbrechen.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie beängstigend es ist, in der Nachbarwohnung gewalttätige Übergriffe zu hören. Ich weiß, wie es ist, zitternd die Polizei zu rufen. Ich weiß, wie sich die bittere Erkenntnis anfühlt, dass sonst niemand eingeschritten wäre – obwohl die Geräusche im ganzen Haus zu hören waren. Es ist niemals leicht, solche Situationen richtig einzuschätzen, aber wer sie beobachtet und auf das eigene Bauchgefühl hört, kann immer etwas tun. Immer.

Dazu zwei Tipps: Wenn Sie unsicher sind, ob Sie häusliche Gewalt im Umfeld beobachtet haben und wie Sie vorgehen sollen, können Sie sich auch vom Hilfetelefon beraten lassen (telefonisch, per Mail, per Chat). Außerdem können Sie dort Infomaterialien wie Aufkleber und Broschüren, in vielen Sprachen, kostenlos bestellen. Vielleicht verteilen Sie diese demnächst einfach mal in den Briefkästen Ihrer Nachbarschaft?

Wenn es um häusliche Gewalt geht, müssen wir gemeinsam aufmerksam sein und dürfen gewalttätiges Verhalten nicht als „Ausrutscher“ oder gar „Privatsache“ der anderen von uns wegschieben. Stattdessen müssen wir aufeinander achtgeben, erst recht jetzt. Die derzeit viel beschworene Solidarität darf dabei kein Lippenbekenntnis bleiben. In Sicherheit und Würde zu leben, das ist ein Menschenrecht, und es muss auch für alle Menschen gleichermaßen umgesetzt werden. Dazu gehört auch eine aktiv gelebte Solidarität – ob das nun über unsere Landesgrenzen oder die eigene Türschwelle hinaus ist.

Hinweise und Empfehlungen finden Sie unter:

Unterstützung bei Gewalt in Zeiten der Corona-Pandemie: www.frauen-gegen-gewalt.de

Krisen-Survival-Kit für Männer: bundesforum-maenner.de

Für betroffene Männer (und Menschen, die helfen wollen) gibt es außerdem seit kurzem auch ein Hilfetelefon: maennerhilfetelefon.de