Die Worte meines Vaters

Ein besonderes Verhältnis: Deutschland und Russland 75 Jahre nach Kriegsende

Von Ronald Pofalla

03.05.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Ronald Pofalla ist seit 2017 Vorstand Infrastruktur der Deutschen Bahn AG und seit 2015 Vorsitzender des Petersburger Dialogs von deutscher Seite.

Mit dem 8. Mai 2020 nähern wir uns einem besonderen Datum in der Geschichte Deutschlands, Europas und der ganzen Welt. An diesem Tag vor 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende – mit Inkrafttreten der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, die am Tag zuvor in Reims besiegelt wurde. Am 8. Mai 1945 endeten die Kampfhandlungen, die so unermessliches Leid über die Menschheit gebracht haben. Insbesondere die Völker der Sowjetunion trugen mit Millionen Opfern die Hauptlast dieses Krieges gegen Hitler-Deutschland.

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75 Jahre Kriegsende als Auftrag und Vermächtnis: Berlin 1945

Meinem Vater Heinrich, Jahrgang 1925, wird dieser Tag der Erinnerung und des Gedenkens sehr nahegehen. Er gehört zu jener Generation, die als Jugendliche eingezogen wurden. Mit 17 Jahren musste er an die Front und geriet später in russische Kriegsgefangenschaft.

Bis heute reden wir über diesen Krieg und das besondere Verhältnis von Russen und Deutschen. Schon als Jugendlicher gab er mir auf den Weg: „Nie wieder Krieg, nie wieder Krieg mit Russland!“ Die Worte sind eine Art Vermächtnis seiner Lebenserfahrung für mich; sie prägen und bewegen mich bis heute.

In unseren Gesprächen heute geht es natürlich noch mehr und immer wieder um das aktuelle Russland – um gute und nicht so gute Entwicklungen. Mein Vater ist trotz seines hohen Alters über alles, was in Russland geschieht, gut informiert und wirklich an allem interessiert.

Die Krise zwischen Russland und dem Westen verhinderte schon vor fünf Jahren ein gemeinsames Gedenken der europäischen Staaten an das Ende des Zweiten Weltkriegs. Mir ist sehr erinnerlich, wie der damalige Bundespräsident Joachim Gauck 2015 bewegende Worten für das Leid der sowjetischen Soldaten fand. Gauck mahnte, dass wir „eine wirkliche Empathie, ein wirklich bewegendes, unser Inneres, unser Herz, unsere Seele bewegendes Gedenken“ an deren Leid entwickeln müssen. Von den 5,3 Millionen sowjetischen Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft hat nicht einmal die Hälfte überlebt.

Die politische Situation ist auch am 75. Jahrestag weiter angespannt. Dabei ist das Vermächtnis dieses Tages heute wichtiger denn je. Denn 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sprechen Waffen in der Ostukraine, ist der europäische Frieden nicht mehr selbstverständlich.

Das aktuelle Verhältnis zwischen Russland und Deutschland bleibt weiter schwierig. Russland hat es in der Hand zu zeigen, ob es Interesse an einer Verbesserung des Klimas zum Westen hat. Mit der Annexion der Krim und der Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine bleiben die wesentlichen Tatbestände in unseren Beziehungen leider bis heute kritisch.

Ich selbst habe seit mittlerweile über 40 Jahren Erfahrung im Umgang mit Russen – auf politischem Parkett, privat und seit 2015 als deutscher Ko-Vorsitzender des zivilgesellschaftlichen Gesprächsforums „Petersburger Dialog“. Seitdem wächst bei mir die Überzeugung, dass es in Deutschland ein tiefes Bedürfnis gibt, mit Russland ein gutes Verhältnis zu pflegen. Ich wage sogar zu sagen: Die deutsche und die russische Gesellschaft sind sich viel näher, als das Politik derzeit kann.

Wir müssen im Gespräch bleiben. Ganz besonders in schwierigen Zeiten darf der Faden des Dialogs mit Russland nicht abreißen. Wir müssen einander Respekt zeigen und gegenseitiges Verständnis entwickeln. Das ist das Credo des im Jahr 2001 gegründeten „Petersburger Dialogs“. Ich habe die Ehre, diesen auf zivilgesellschaftlicher Ebene einzigartigen Austausch zwischen unseren Ländern pflegen und mitgestalten zu dürfen. Die Leitung des „Petersburger Dialogs“ ist für mich deshalb ein Bedürfnis.

Unsere deutsche Seite im „Petersburger Dialog“ wird von mittlerweile 64 großartigen Mitstreitern getragen. In mehr als zehn Arbeitsgruppen, angesiedelt in den wichtigsten Lebensbereichen wie Wirtschaft, Ökologie, Politik, Zivilgesellschaft, Kultur, Medien, Gesundheit, Bildung und Wissenschaft, Kirchen und einer Zukunftswerkstatt, debattieren unsere Experten engagiert und hoch motiviert mit den russischen Kollegen. Einmal im Jahr tagt die Hauptversammlung mit 300 Teilnehmern und hochkarätigen Gästen. Im vergangenen Jahr waren wir mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen Gastgeber der Tagung in Königswinter. Die Außenminister Heiko Maas und Sergej Lawrow gaben uns die Ehre.

Die eigentliche Arbeit läuft das ganze Jahr über. Der Austausch bringt uns manchmal nur kleine Schritte voran, aber jeder Schritt zählt. Im Umgang mit den NGOs hat die russische Seite sich zwar etwas bewegt und kann besser mit Kritik umgehen als noch vor Jahren. Aber noch immer gibt es diese Liste der „unerwünschten Organisationen“ und viele Verbote, die wir eindeutig ablehnen.

Ganz wichtig ist mir der Austausch und das gegenseitige Entsenden von Jugendlichen, was wir mit der vom „Petersburger Dialog“ gewünschten und geforderten Befreiung von der Visumpflicht weiter voranbringen wollen. Nichts ist besser für die Annäherung, als eigene Eindrücke zu sammeln.

Was mir auch Hoffnung gibt: Es liegt in der russischen Mentalität, mit Widersprüchen besser leben zu können als wir und damit einen Konflikt zu führen und dennoch eine enge Beziehung zu haben. Ein gutes Verhältnis verträgt gute Debatten.

Der 8. Mai 1945 war das Datum für den Aufbruch in ganz neue Beziehungen unserer Völker. Mein Vater wird aufmerksam verfolgen, wie wir damit in der Zukunft umgehen.