Der Weg zurück

Frieden und Demokratie: Deutschland und Amerika 75 Jahre nach Kriegsende

Von James D. Bindenagel

03.05.2020 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

James D. Bindenagel war 1989/90 leitender Diplomat in der US-Botschaft bei der DDR in Ost-Berlin. Ab 1994 war er in der  Botschaft in Bonn Stellvertreter des Botschafters. Seit 2014 hat er die Henry-Kissinger-Stiftungsprofessur für Internationale Beziehungen an der Universität Bonn inne.

Am 8. Mai 1945, dem Tag des Sieges in Europa, feierten die Amerikaner die Niederlage des Naziregimes mit Umzügen, Flaggenschwenken und ausgelassenem Jubel über die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht. Auch für meinen Vater war dieser Tag ein Tag der Freude. Er war Soldat der 104. Infanteriedivision (Timberwolf), die am 25. April 1945 mit der sowjetischen Armee in Torgau zusammentraf. Für ihn endete der Krieg am 7. Mai, nach fast 200 Tagen des Kampfes in Frankreich, Belgien und Deutschland. Er kämpfte in den Schlachten um Antwerpen, Düren, in den Ardennen und im Hürtgenwald. Er half bei der Befreiung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora nahe Nordhausen. Der Kampf um Halle (Saale) war der letzte für die 104. Infanteriedivision in Europa. Die Soldaten waren erleichtert, als der Krieg in Europa endlich endete, doch im Pazifik ging er noch weiter. Nach kurzem Heimaturlaub in den USA wurde die 104. Infanteriedivision nach Fort Lewis im Bundesstaat Washington gesandt, um sich auf die Invasion Japans vorzubereiten.

PICTURE ALLIANCE/AKG-IMAGES

75 Jahre Kriegsende als Auftrag und Vermächtnis: Berlin 1945

Aber nicht alle Kampfeinheiten, auch die meines Vaters nicht, wurden zum pazifischen Kriegsschauplatz verlegt, an dem der Krieg erst am 15. August 1945 endete. Bis zum Herbst 1945 wurde etwa die Hälfte der drei Millionen amerikanischen Soldaten in Deutschland aus dem Kriegsdienst entlassen. Amerika wurde Besatzungsmacht in Deutschland, und mit der Direktive JCS 1067 des US-amerikanischen Vereinigten Generalstabs wurden die Bedingungen der Besatzungspolitik festgelegt. Deutschland sollte nicht zum Zwecke der Befreiung, sondern als ein besiegter feindlicher Staat besetzt werden. Die vier alliierten Mächte übernahmen die oberste Regierungsgewalt und erhielten Rechte und Pflichten für Berlin und ganz Deutschland. Diese Rechte gründeten sich auf den Grundsätzen zur militärischen Besetzung von feindlichem Staatsgebiet (*occupatio bellica*) gemäß der Haager Konvention und blieben bis zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 in Kraft. Die Besatzung hatte die Schaffung von Frieden und Demokratie, nicht Unterdrückung zum Ziel.

Nur einige Monate später sprach US-Außenminister James F. Byrnes in Stuttgart. Seine „Rede der Hoffnung“ eröffnete den Deutschen erstmalig eine Aussicht darauf, eine eigene Regierung auf demokratischer Grundlage zu bilden, eine demokratische Verfassung zu entwerfen und die Autorität, die inneren Angelegenheiten wieder in die Hand zu nehmen, zurückzuerlangen. Byrnes sagte: „Das amerikanische Volk möchte die Regierung Deutschlands dem deutschen Volk zurückgeben. Das amerikanische Volk möchte dem deutschen Volk dabei helfen, seinen Weg zurück zu einem ehrenvollen Platz unter den freien und friedensliebenden Nationen der Welt zu finden.“ Dennoch wurde die Besatzung Deutschlands ein langfristiges Unterfangen und wandelte sich im Laufe der Jahre zu einer robusten deutsch-amerikanischen Partnerschaft. Am 40. Jahrestag des Sieges der Alliierten in Europa im Mai 1985 sprach Bundespräsident Richard von Weizsäcker von der „Befreiung“ Deutschlands von den Nationalsozialisten.

Amerika nahm seine Verantwortung als Garant von Frieden und Freiheit ernst. Henry Kissinger sollte später sagen: „Mehr als jemals zuvor gilt es, die Geschichte zu studieren, um zu erkennen, warum Nationen und Menschen erfolgreich sind und warum sie scheitern.“ Zwei Weltkriege überzeugten die Isolationisten in den Vereinigten Staaten, dass Amerika sich nicht einfach allein stellen könne. Die Präsidenten Franklin D. Roosevelt und Harry Truman vereinbarten auf Grundlage dieser Einsicht die Atlantik-Charta, eine amerikanische Initiative für liberal-demokratische Kriegsziele und eine Nachkriegsordnung. Diese Grundsätze umfassten wirtschaftliche Offenheit, das gemeinsame Gestalten der westlichen politisch-ökonomischen Ordnung, Regeln und Institutionen für die westliche Weltwirtschaft, um ökonomische Stabilität und soziale Sicherheit zu befördern, sowie rechtsstaatlichen Konstitutionalismus.

Amerika hatte eine Strategie für Frieden und Wohlstand. Nur die Demokratie, so Truman, könne „die vitalisierende Kraft freisetzen, um die Völker der Welt zu erfolgreichem Handeln zu bewegen, nicht nur gegen ihre menschlichen Unterdrücker, sondern auch gegen ihre alten Feinde – Hunger, Elend und Verzweiflung“.

Mit strategischer Weitsicht sah Truman in den transatlantischen Beziehungen das Fundament von Frieden und Sicherheit. Er förderte die internationale geldpolitische und finanzielle Zusammenarbeit und die Schaffung der Bretton-Woods-Institutionen wie Internationaler Währungsfonds und Weltbank, die für eine nachhaltige politische Stabilität unerlässlich sind. Die politische Vision hinter dieser Ordnung war ebenso wichtig wie die ins Auge gefassten ökonomischen Vorteile.

Die amerikanische Führung lotet nun neu aus, ob diese internationale Ordnung die Interessen von „America First“ unterstützen kann. Die Welt scheint die Lehren aus dem 20. Jahrhundert wieder zu verlernen. Am Tag des Sieges der Alliierten in Europa sahen wir 1945 die Zerstörungen des Krieges. Wir haben die Erfordernisse und Verfahrensweisen der internationalen Zusammenarbeit gelernt und 75 Jahre Frieden und Wohlstand erlebt. Gegenwärtig ist das Coranavirus die größte Bedrohung der Menschheit.

Demokratien, denen es nicht gelingt, sich effektiv um die Belange und Sorgen der Menschen zu kümmern, machen sich angreifbar für Versprechungen von Populisten, die mit Ängsten operieren. Wir brauchen jetzt politische Führung mit strategischer Weitsicht, in der Zusammenarbeit mit China, angesichts der Brexit-Nachwirkungen, in allen Fragen der Globalisierung. Leider zieht sich Amerika gerade zurück. Kann die Fackel der Führungsmacht in Europa nun an Deutschland übergeben werden?

Aus dem Englischen von Thorsten Tynior.