Ohne uns

Kontinent jenseits des Horizonts: Die afrikanischen Krisen spitzen sich zu, aber wie zuvor in Afghanistan sehen wir nicht hin

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PICTURE ALLIANCE/AA | MINASSE WONDIMU HAILU
Äthiopischer Aufstand: Proteste in Addis Ababa im August gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray, die gegen die Zentralregierung kämpft.
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PICTURE ALLIANCE/AA | MINASSE WONDIMU HAILU
Äthiopischer Aufstand: Proteste in Addis Ababa im August gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray, die gegen die Zentralregierung kämpft.

Ohne uns

Kontinent jenseits des Horizonts: Die afrikanischen Krisen spitzen sich zu, aber wie zuvor in Afghanistan sehen wir nicht hin

Im nordäthiopischen Tigray sind die ersten Menschen verhungert: 150 sollen es sein, das meldete die britische BBC Anfang der Woche unter Berufung auf die sogenannte „Volksbefreiungsfront von Tigray“ TPLF, die dort seit rund zehn Monaten gegen die Zentralregierung unter Ministerpräsident Abiy Ahmed kämpft.

Abiys Regierung reagierte bisher nicht auf diese Meldung, wies aber in der Vergangenheit mehrfach Vorwürfe der Vereinten Nationen zurück, sie blockiere Hilfslieferungen in die umkämpfte Region. Vorsicht ist geboten, denn auch in Äthiopien ist die Wahrheit das erste Opfer des Krieges. Allen Konfliktparteien werden Kriegsgräuel vorgeworfen, und sofern es die jeweils andere Seite betrifft, machen alle Kriegsparteien beim Blame Game lautstark mit. Bei diesen Vorwürfen geht es um Massaker, Vertreibungen, schwerste sexualisierte Gewalt, die Rekrutierung von Kindern als Soldaten und den Missbrauch von Hunger als Waffe.

„Zutiefst beunruhigt“

Beiden Seiten wird vorgeworfen, die humanitäre Not bewusst zu verschärfen: Die Vereinten Nationen sind davon überzeugt, dass die Zentralregierung LKW mit überlebenswichtiger Hilfe blockiert. Aber auch die TPLF verschlimmert die Knappheit. Den schwersten Vorwurf gegen die Rebellen erhob kürzlich Sean Jones, der Leiter der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (USAID): Die TPLF habe in der inzwischen ebenfalls umkämpften Region Amhara jedes Lager geplündert, sagte Jones im äthiopischen Staatsfernsehen. Von unabhängiger Seite sind die Vorwürfe schwer zu überprüfen, weil die äthiopische Regierung nur wenigen Beobachtern Zugang nach Tigray und in die anderen umkämpften Regionen gewährt.

Trotzdem sind die Warnungen vor einer Katastrophe eigentlich nicht mehr zu überhören: Die Vereinten Nationen, die Europäische Union, Menschenrechtsorganisationen und Internationale Hilfsorganisationen erklären in kurzen Abständen, sie seien angesichts der humanitären Lage in Tigray zutiefst beunruhigt – immerhin wurden einzelne UN-Vertreter in die Krisenregion gelassen. Dramatisch ist die Lage mittlerweile wohl auch in Tigrays beiden Nachbarregionen Afar und Amhara. Nach UN-Angaben hungern in Tigray bis zu 400 000 Menschen, rund 1,6 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Mehr als 5,2 Millionen Menschen sind im Norden des Landes auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Liste der äthiopischen Regionen, in denen ethnische Spannungen und Gewalt zunehmen, ist noch länger.

Afrika – kaum der Erwähnung wert

In den deutschen Medien ist von all dem wenig zu lesen. Wir sind offenbar zu sehr mit uns selbst beschäftigt, schauen auf die nahende Bundestagswahl, drehen uns in Bezug auf die Corona-Pandemie und das Impfprogramm um die immer gleichen Fragen, gucken noch auf die Hochwassergebiete und natürlich, was das Ausland angeht, auf Afghanistan.

Auch andere Krisen auf dem afrikanischen Kontinent scheinen seit Monaten kaum der Erwähnung wert: Der Putsch in Guinea? Zwar berichten alle größeren Medien, wie eigentlich immer bei einem Putsch. Aber nach Monaten oder gar Jahren der Null-Information über das Land am gleichnamigen Golf in Westafrika bleiben die Vorgänge im dem rohstoffreichen Land dem Großteil des Publikums vermutlich komplett unverständlich.

Oder die Krise im Norden Mosambiks: Über die dramatisch zunehmende terroristische Bedrohung dort wird in deutschen Medien so selten berichtet, dass es für das deutsche Publikum vermutlich kaum möglich ist, sich aus den Bruchstücken ein Verständnis zusammenzubauen. Interesse an einer Entwicklung kann sich aber nur aus ersten Informationen bilden. So entsteht ein Teufelskreis: Verlage und Sender gehen offenbar immer häufiger davon aus, dass sich die deutsche Öffentlichkeit ohnehin nicht für die Situation in afrikanischen Ländern interessiert, abgesehen von Themen rund um Wildtiere, ein paar kuriose Exotika, Rohstoffe oder andere wirtschaftliche Interessen. Und weil sie nichts weiß, interessiert sie sich tatsächlich nicht.

Menetekel Afghanistan

Wie sehr sich der fehlende gesellschaftliche Blick über den Tellerrand rächen kann, hat zuletzt sehr deutlich das Versagen von Bundesregierung und letztlich auch der deutschen Gesellschaft in Afghanistan gezeigt: Wir alle haben uns von den Entwicklungen überrumpeln lassen. Wir waren nicht informiert, wir konnten die Regierung nicht zur Rechenschaft ziehen, wir haben sie machen lassen. Ähnliches droht angesichts der dürftigen Informationslage und des fehlenden Verständnisses in Afrika. Die Krise in Äthiopien bedroht die Stabilität der Region und wird voraussichtlich weiter eskalieren, bis es kaum noch möglich sein wird, die dramatischen Ereignisse zu ignorieren. Dann werden sich viele verwundert die Augen reiben, als sei das Drama vom Himmel gefallen.

Oder Mali, das nun wichtigste Einsatzland der Bundeswehr. Ähnlich wie gegenüber den USA in Afghanistan, spielt Deutschland in Mali gegenüber Frankreich die Rolle des loyalen Verbündeten auf dem Beifahrersitz. Frankreich hat bereits begonnen, seine militärische Präsenz in der westafrikanischen Sahelzone zu reduzieren. Die steigende Zahl toter französischer Soldatinnen und Soldaten sowie die immensen Kosten der Militäroperation fernab der eigenen Grenzen sind in Frankreich immer schwerer zu vermitteln. Malische Beobachter befürchten bereits einen ähnlich überstürzten Abzug westlicher Truppen wie in Afghanistan.

Da Frankreich geht, hat auch in Deutschland die Debatte über den Abzug begonnen. Ähnlich wie in Bezug auf Afghanistan werden wir als Gesellschaft das Handeln der deutschen Regierung in Mali vermutlich wieder viel zu spät hinterfragen, weil die Vorgänge im Sahel bis dahin jenseits unseres Horizonts blieben.

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