Worum es geht

Rassismus muss zunächst verstanden werden, um ihn zu verlernen

13
06
SHUTTERSTOCK/BUSLIKOV Say no to racism
Say NO to racism
13
06
SHUTTERSTOCK/BUSLIKOV Say no to racism
Say NO to racism

Worum es geht

Rassismus muss zunächst verstanden werden, um ihn zu verlernen

Ich wurde vergangenes Wochenende auf den Black-Lives-Matter-Demonstrationen in Köln gefragt, ob Deutschland ein Problem mit Rassismus habe. Diese Frage hat mich als Betroffene von anti-schwarzem Rassismus sehr wütend gemacht. Ja, Deutschland hat ein Rassismusproblem, und diese Tatsache sollte auf keinen Fall leichtfertig von Menschen in der öffentlichen Diskussion abgetan werden, die sich nicht mit den Erfahrungen auseinandersetzen wollen, die tatsächlich Betroffene erlebt haben und erleben.

Wir Betroffene klagen seit jeher über Rassismus, doch unsere Stimmen wurden nicht gehört. Eindrucksvoll zu beobachten war dies zuletzt in der Talkshow „Maischberger. Die Woche“. Zunächst sollte in einer nur von weißen Menschen besetzten Runde über Rassismus diskutiert werden. Nach heftiger Kritik im Vorfeld der Sendung entschied sich die Redaktion, die Schwarze US-Wissenschaftlerin Priscilla Layne für ganze acht von insgesamt 72 Minuten hinzuzuschalten. (Ich schreibe Schwarz stets groß, da es sich um eine soziale Kategorie und nicht um die Beschreibung der eigentlichen Hautfarbe handelt.) Stets sind es weiße Menschen, denen die vermeintliche Deutungshoheit und Einschätzung der Situation zugestanden wird. Dass es auch Schwarze Deutsche gibt, kommt nur Wenigen in den Sinn, denn Deutschsein wird mit Weißsein verknüpft. Ich möchte hier aber deutlich sein: Es ist absolut notwendig, dass mehrheitlich betroffene Expertinnen und Experten an diesen Diskursen teilnehmen.

Denn das Problem an dieser „Debatte“ um Rassismus ist, dass zwar viele darüber sprechen, aber nur wenige wirklich begriffen haben, worum es geht, worum es wirklich gehen muss. Die deutsche Anti-Rassismus-Trainerin Tupoka Ogette schreibt in ihrem Buch „exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen“, das im vergangenen Jahr im Unrast Verlag erschien, dass wir alle rassistisch sozialisiert worden sind, wie bereits viele Generationen vor uns.

Keiner kann sich davon freisprechen, selbst Betroffene nicht. Dennoch versichert mir die Mehrzahl der Menschen im persönlichen Gespräch, dass sie nicht rassistisch seien. Was viele nicht verstanden haben: Rassismus ist ein strukturelles und systematisches Problem, das tief in der Gesellschaft verankert ist. Es gibt keine Räume, die frei von Rassismus sind. Wer sich nun fragt, ob das auch für Deutschland gilt, genießt sein Privileg, nicht von Rassismus betroffen zu sein, und verschließt die Augen vor der rassistischen Realität.

Und das ist eine Realität, die schon in unseren Medien anfängt. In den meisten Filmen, Serien, Büchern oder Videospielen sind weiße Männer die Helden. Der Prototyp also, mit dem sich alle identifizieren sollen. Andere Identitäten werden oft überhaupt nicht mitgedacht; sollten Schwarze Menschen doch gezeigt werden, wird dabei meist auf bereits bestehende Stereotypen zurückgegriffen. Kriminelle werden in den Medien oft von Schwarzen Menschen verkörpert, als Darsteller von Terroristen werden meist Männer mit arabischem Aussehen gewählt. Diese Stereotype werden vom Publikum verinnerlicht und auf die Realität projiziert, nicht-weiße Menschen werden also auch im Alltag mit negativen Eigenschaften und Einstellungen assoziiert, die nicht der Realität entsprechen.

Der Ursprung dieser Denkweise liegt in der Kolonialzeit, als eine moralische Grundlage für die Ausbeutung und Versklavung Schwarzer und der indigenen Bevölkerung erschaffen werden musste. So entstand die Rassentheorie, auf der die Vorstellung beruht, Menschen mit weißer Haut seien klüger und mehr wert als Schwarze Menschen.

Auch wenn sich seit dieser Zeit einiges verändert hat, wurden diese gedanklichen Strukturen nie richtig dekonstruiert und aufgearbeitet. An Deutschlands Schulen wird die deutsche Kolonialgeschichte sträflich vernachlässigt – ein Umstand, der sich dringend ändern muss, wenn wir das Ausmaß des heutigen Rassismus wirklich begreifen wollen. Auch hierzulande müssen koloniale und rassistische Straßennamen geändert und Denkmäler weißer Kolonialherren entfernt werden. Wir sollten sie durch neue Denkmäler ersetzen, die berühmte afrodeutsche Menschen und ihre Geschichte zeigen.

Doch nicht nur in den deutschen Kolonien, auch in der jüngeren Vergangenheit hat es in Deutschland unzählige rassistische Angriffe und Morde gegeben: Zwischen 2000 und 2006 ermordete der NSU neun Menschen, 2005 verbrannte Oury Jalloh in einer Gefängniszelle in Dessau, während seine Hände und Füße gefesselt waren. Der antisemitisch motivierte terroristische Anschlag in Hanau, bei dem neun Menschen getötet wurden, ist erst wenige Monate her. Doch selten ist in solchen Fällen von Gewalt gegen Nicht-Weiße von Rassismus die Rede. Stattdessen wird in vielen Medien meist von Ausländer- oder Fremdenfeindlichkeit gesprochen. Diese Art der Berichterstattung unterstreicht die Vorstellung, dass nicht-weiße Menschen scheinbar kein Teil von Deutschland und seiner Kultur sein könnten – eine Sichtweise, die derjenigen der Täterinnen und Täter gleicht, die ihre Heimat vor „den Anderen“ schützen wollen. Dass jetzt infolge des rassistischen Mordes an dem Afroamerikaner George Floyd durch einen weißen Polizisten weltweit und eben auch bei uns gegen Rassismus und Polizeigewalt demonstriert wird, ist gut und wichtig. Es war angesichts der langen Geschichte rassistischer Übergriffe in Deutschland aber auch längst überfällig.

Damit diese in den weltweiten Protesten freigesetzte Energie nun nicht folgenlos in einem Trend endet, sondern zu dauerhaften Veränderungen führt, bedarf es erstens der Etablierung flächendeckender, antirassistischer Bildung, um postkoloniale Denkweisen sichtbar zu machen und zu verlernen. Zweitens muss betroffenen Menschen konsequent zugehört und geglaubt werden, wenn sie von ihren Erfahrungen mit Rassismus berichten. Drittens sollte eine umfangreiche Aufarbeitung rassistischer Strukturen im deutschen Justizsystem oberste Priorität haben. Das wäre ein Anfang.

Weitere Artikel dieser Ausgabe