Turbulenz und Stille

Der Berliner Maler Nicolai Markarov ist Russe, Museumsdirektor und ein Mann der lauten wie der leisen Töne

Von Irena Nalepa

30.10.2014 – DER HAUPTSTADTBRIEF 125

Das „Museum der Stille“ des Malers Nicolai Markarov – bekannt für seine stilistisch an die Tradition der alten Meister anknüpfenden Gemälde wie für die von ihm einst unter großem Zulauf veranstalteten Kakerlaken-Rennen – feierte kürzlich sein zwanzigjähriges Bestehen und nach zeitweiliger Schließung seine Neueröffnung: eine berlinische Kunst-Geschichte. Irene Nalepa, in früheren Jahren Galeristin Markarovs, sprach mit ihm über seine Kunst und den Museums-Neustart.

museum der stille

Nikolai Makarov (links) mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit im September 2014 bei der Neueröffnung des ganz in Tiefrot gehaltenen „Museums der Stille“. Makarov, Jahrgang 1952, ist geborener Moskauer. In den 1970er-Jahren studierte er an der Ost-Berliner Humboldt-Universität, in den 1980er-Jahren war er an der Kunsthochschule Weißensee Meisterschüler bei Werner Klemke. 1994 eröffnete er den Vorläufer des jetzigen „Museums der Stille“ in der Linienstraße in Berlin-Mitte. Mehr über sein Werk auf www.nikolai-makarov.de

NALEPA: Herr Makarov, Sie betreiben Ihr „Museum der Stille“ nun mit Unterbrechungen seit zwanzig Jahren. War das Bedürfnis nach Stille in der Hektik der Großstadt damals anders als heute?

MAKAROV: Die Idee für den „Raum der Stille“, wie es zunächst hieß, entstammt den 1990er-Jahren. In dieser Zeit wurde ganz Berlin umgebaut. Die ganze Mitte war eine einzige Baustelle und die Kunst damals besonders bunt und kontrovers. Ich habe dazu etwas Leises beisteuern wollen.

Ich fand, die Zeit war reif dafür. Dabei war die Mark-Rothko-Kapelle auf dem Campus der Universität St. Thomas in Houston, Texas für mich ein großes Vorbild. In einem kargen, achteckigen Raum sind dort vierzehn großformatige, überwiegend in Schwarz gehaltene Gemälde Rothkos ausgestellt.

Auch meine Räume habe ich versucht, so minimalistisch zu gestalten. Zunächst hingen hier nur meine Bilder. Inzwischen habe ich das Konzept erweitert und namhafte Architekten wie Sergei Tchoban, Max Dudler und andere dafür begeistern können, Entwürfe für einen Raum der Stille zu machen. Diese Modelle sind nun hier im „Museum der Stille“ zu sehen.

Betritt man Ihr Museum, überkommt einen schnell kontemplative Ruhe. Die in Rot getauchten Räume sind vom Tageslicht abgeschottet. Ein weicher, schwarzer Teppichboden dämpft störende Gehgeräusche. Zwei kleine karge Sitzbänke laden zum Verweilen ein. Man kann sich Ihrem wandfüllenden Gemälde zuwenden, und die Zeit steht still ...

Das Bild stellt eine angedeutete Landschaft dar, wo eine Art dunkler Weg zu einem Berg führt. Das ist gewissermaßen unser aller Weg, den wir als Menschen gehen. Hinter dem Berg ist viel Energie und das Licht – also das, was wir eventuell danach erfahren werden. Das hat diese Wirkung: Schon kurz nach dem Eintritt bemerkt man, dass man in eine völlig andere Stimmung kommt. Man ist im Hier und Jetzt.

Ich verfolge Ihre Bilderproduktionen ja nun schon recht lange. Damals wie heute reihen sich Ihre Arbeiten nicht ein in den aktuellen Zeitgeist der Kunst.

Ja, ich arbeite mir einer altmeisterlichen Malweise. Zusätzlich verwende ich aber auch die moderne Airbrush-Technik. Der Mensch entwickelt sich in kreisförmigen Gesetzmäßigkeiten, und so male ich. Ich drücke damit Beständigkeit aus – und diese Urbedürfnisse des Menschen aufzuspüren, das ist auch die Idee des Museums. Der Weg zu allem geht durch die Stille. Ohne Stille kein Leben.

Gibt es denn auch noch jenen Nikolai Makarov, der mit seinen legendären Kakerlaken-Rennen, mit Wodka-Partys und rauschenden russischen Neujahrsfesten von sich reden machte?

Die Kakerlaken sind – ebenso wie ich – älter geworden. Es gibt aber vielversprechenden Nachwuchs. Ich werde das an junge Veranstalter weitergeben, damit diese alte russische Tradition nicht ausstirbt. Im Grund bin ich von Natur aus sehr kindlich, das turbulente, tosende Leben hat mir immer Spaß gemacht. Bestimmt veranstalte ich zum russischen Neujahrsfest auch wieder eine große Party. Danach habe ich dann für eine Weile genug und brauche wieder die Stille.

Irena Nalepa ist im Kunsthandel tätig; bis 2010 war sie Galeristin in Berlin. Für den HAUPTSTADTBRIEF hat sie mit dem Maler Nikolai Markarov gesprochen, der im September 2014 sein „Museum der Stille“ in Berlin-Mitte wiedereröffnet hat.

Museum der Stille, Linienstraße 154 A, 10115 Berlin. Dienstag bis Sonntag 14 bis 19 Uhr. www.museum-der-stille.de

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