Projekträume – Künstlerträume

Weil es mehr Künstler in Berlin gibt, als die Galerien ausstellen können, blüht in der Hauptstadt die Off-Kunstszene der Projekträume

Von Peter Funken

01.11.2013 – DER HAUPTSTADTBRIEF 118

In den letzten zwanzig Jahren machte Berlin eine steile Karriere als Kunstmetropole. In der Wahrnehmung der von Beteiligten und Beobachtern hat die deutsche Hauptstadt mit London und New York gleichgezogen. Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt zieht Berlin magnetisch an. Nach Aussagen des Berufsverbands Bildender Künstler (BBK) siedeln sich hier jeden Monat etwa vierzig Künstler neu an. Derzeit leben und arbeiten in der Stadt mehr als 7000 bildende Künstler. Es gibt rund 600 Galerien und Ausstellungsorte, die das Kunstleben in der Stadt sichtbar machen, vor allem in den Bezirken Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln, in Schöneberg und neuerdings im Wedding und in Moabit. Kein Wunder, dass Kultur- und Wirtschaftspolitiker ebenso wie das Berliner Stadtmarketing diesen Standortvorteil schätzen und bewerben.

Beträchtlichen Anteil an der Attraktivität Berlins für die junge Kunstszene hatten in den vergangenen zwei Jahrzehnten die im Vergleich mit London und New York bezahlbaren Mieten für Wohnungen, Galerie- und Atelierräume. So gab es schließlich mehr Künstler als Ausstellungsmöglichkeiten. Die Kunstschaffenden setzten daher auf Selbsthilfe. Ein Berliner Spezifikum sind die mittlerweile rund 150 Projekträume, die oft von den Künstlern selbst gegründet wurden, um ihre Werke auszustellen und zu vermarkten. Die Projekträume haben sich in einem Netzwerk organisiert und vertreten mit der Initiative „Haben und Brauchen“ auch gemeinsame Interessen. Vier der Projekträume stellen wir hier vor. Mehr Information zu den Berliner Projekträumen finden Sie unter www.projektraeume-berlin.net

Walden Kunstausstellungen

Seit 1994 betreibt Reinhold Gottwald sein Projekt „Walden Kunstausstellungen“. Begonnen hat alles in der Kastanienallee, Prenzlauer Berg, wo Gottwald mit Künstlerkollegen Anfang der 1990er-Jahre eine Selbsthilfegruppe und den Ausstellungsraum „Peking“ initiierte. Später, die Gruppe hatte sich aufgelöst und Gottwald der Sache einen neuen Namen gegeben, zog „Walden“ in die Potsdamer Straße und befindet sich heute, unweit vom Volkspark Friedrichshain, in der Hufelandstraße. Im Laufe der Jahre fanden bei Walden rund 200 Ausstellungen statt. Das Programm ist ein bunter, experimenteller Mix: Walden Kunstausstellungen ist nicht auf eine bestimmte Kunstgattung festgelegt, gezeigt werden Installationen, Fotografien, auch Skulpturen. Die Besonderheit der Initiative: Statt bereits etablierte Künstler zu zeigen, sollen neue entdeckt, aufgebaut und langfristig betreut werden. Für sein Engagement erhielt Reinhold Gottwald in diesem Jahr einen der sieben Förderpreise des Senats für die Projektraum-Szene. | www.galerie-walden.de

Berlin Weekly

stefanie seidl

Klein, aber fein: Die Ausstellungen in Stefanie Seidls Projektraum in der Linienstraße sind Tag und Nacht zu sehen. Berlin Weekly bietet eine Bühne für aktuelle Kunst und neues Design.

Der im Juni 2010 von Stefanie Seidl ins Leben gerufene Projektraum „Berlin-Weekly“ dient Künstlern und Designern als öffentliche Präsentationsfläche. Den klar definierten hohen Schaufensterraum in der Linienstraße im Bezirk Mitte nutzt Seidl als eine Art Bühne, auf der Künstler ihre Raum bezogenen Arbeiten für eine breite Öffentlichkeit präsentieren. Alle zwei bis drei Wochen werden neue Installationen im hell erleuchteten Schaufenster gezeigt, sie sind von außen den ganzen Tag und bis spät nachts gut sichtbar. Stefanie Seidl sagt: „Ich betrachte die Schaufenstergalerie und die daran angeschlossene Website als Gestaltungsmedien im öffentlichen Raum. Voraussetzung ist, dass der Installation inhaltlich ein klares Konzept zu Grunde liegt und dieses überzeugend visualisiert wird; sie sollte die Passanten überraschen, sie zum Innehalten, Staunen und Nachdenken veranlassen und das Interesse für den Künstler erwecken.“ | www.berlin-weekly.com

G.A.S-station

Der aus Österreich stammende Medienkünstler Thomas Maximilian Stuck entwickelt seit 2008 gemeinsam mit der Wienerin Elisa Asenbaum in Kreuzberg den Projektraum „G.A.S-station – Tankstelle für Kunst und Impuls“, dem er als Kurator vorsteht. Das Namenskürzel G.A.S. steht für Grafic Art & Sound, und so sind auch diese künstlerischen Bereiche für das Programm bestimmend. Stuck geht es um die Entwicklung ästhetisch experimenteller Projekte, wie auch um die Umsetzung grafischer und webbasierender Konzepte. Mit open calls im Internet ruft G.A.S-station zur Beteiligung an Ausstellungen auf. So entstanden große, thematische Gruppenausstellungen mit internationaler Beteiligung, zu Themen wie „Das Ding“, „Chaos“, „Keine Zeit“, „Nichts“ oder „Die Perfektheit und das Fehler“ (sic), die künstlerisch wie auch wissenschaftlich bearbeitet werden. Regelmäßig findet die Kunst auch im Schaufenster der G.A.S-station statt, so dass Ausstellungen einen öffentlichen Charakter annehmen. | www.2gas-station.net

AUTOCENTER

Vor 11 Jahren gründeten die Künstler Joep van Liefland und Maik Schierloh ihren Projektraum „AUTOCENTER – Space for Contemporary Art“ in einer ehemaligen Autolackiererei in einem Gewerbegebiet nahe der Landsberger Allee unweit des alten Berliner Schlachthofs. Mit dem Umzug der Non-Profit-Initiative in eine weitläufige Büro­etage in der Leipziger Straße im Februar 2013 sind die Betreiber nun im Zentrum Berlins angelangt. In 160 Ausstellungen zeigten van Liefland und Schierloh bislang Arbeiten von 750, zum Teil bereits namhaften Künstlern wie Thomas Scheibitz, Martin Eder, Norbert Bisky oder Olaf Nicolai. Regelmäßig finden vor Ort Diskussions- und Vortragsveranstaltungen statt sowie eine internationale Sommer Akademie. Unter den Berliner Projekträumen ist AUTOCENTER der große Tanker mit Potential. Leicht vorstellbar, dass aus dem ursprünglichen Non-Profit-Projekt in absehbarer Zeit eine bestens vernetzte, profitable Galerie entsteht. | www.autocenterart.de

Dr. Peter Funken ist Kunstjournalist, Kurator und Zeichner. Er kuratiert unter anderem die Kunstmesse BERLINER LISTE, die im September 2013 zum zehnten Mal stattfand. Für den HAUPTSTADTBRIEF hat er sich im Berliner Off umgesehen und einige Projekträume inspiziert, in denen heutzutage oft Künstlerkarrieren ihren Ausgang nehmen.