Ein kleines Wunder in 22 Buchstaben

Eine neue Ausstellung veranschaulicht die Rückkehr jüdischen Lebens mit dem Mittel des Alphabets

Von Rainer Bieling

02.12.2018 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Dr. Rainer Bieling ist Redaktionsdirektor des HAUPTSTADTBRIEFS. Hier beleuchtet er den Hintergrund der Ausstellung „A wie Jüdisch – In 22 Buchstaben durch die Gegenwart“ im Jüdischen Museum Berlin.

Den meisten Berlinern heute wird nicht bekannt sein, dass etliche Bürger ihrer Stadt einst großen Mut zeigten. Eine neue Ausstellung ist ein guter Anlass, daran zu erinnern. Sie heißt „A wie Jüdisch – In 22 Buchstaben durch die Gegenwart“ und ist im Jüdischen Museum Berlin zu sehen. Die Ausstellung veranschaulicht jüdisches Leben mit dem Mittel des hebräischen Alphabets: Jedem der 22 Buchstaben ist ein Aspekt dieses Lebens zugeordnet. So steht der Buchstabe Kaf für K wie koscher oder der Buchstabe Schin wie S für Schabbat. Kaf zeigt, dass es sogar Automaten für koschere Süßigkeiten gibt, und Schin das Gebot, am Sonnabend, dem jüdischen Ruhetag Schabbat (Sabbat), das Handy einen Tag lang nicht zu benutzen.

Es geht also um jüdisches Leben im Alltag von heute. Wer Leben nur mit Alltag gleichsetzt, vergisst leicht, dass Leben auch das Gegenteil von Tod ist. Das kommt dem Besucher unweigerlich in den Sinn, der über Erinnerungsvermögen verfügt. Dass es heute etwa 15 000 Berliner gibt, die einer der beiden jüdischen Gemeinden oder keiner von ihnen angehören, ist nämlich fast eine Verzehnfachung gegenüber dem Stand vom Mai 1945. Und eigentlich hätte es damals überhaupt keine jüdischen Berliner geben dürfen, wäre es nach dem Willen der Politiker gegangen, die bis 1945 regierten und dann am 8. Mai kapitulierten. Dass ihrem Vernichtungswillen etwa 1700 jüdische Bürger entgingen, lag an jenen Berlinern, die ihren Mitbürgern halfen zu überleben. Daran erinnert in Berlin eine andere Ausstellung mit dem programmatischen Namen „Stille Helden“. Sie ist jetzt auf Dauer in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zu Hause und zeigt die Vorgeschichte von „A wie Jüdisch“.

Diese Vorgeschichte beginnt gleich nach dem Regierungswechsel 1933. Eine neue Generation von politischen Entscheidern löste binnen weniger Wochen ihr zentrales Wahlversprechen ein: Arbeitsplätze schaffen für deutsche Volksgenossen. Im damaligen Politsprech waren das jene Bürger, die mit dem Taufschein nachweisen konnten, dass sie christlich waren. Gleich im April 1933 legte das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums fest, dass alle Bürger jüdischer Religionszugehörigkeit aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen seien. Tausende von ihnen mussten ihre Stellen räumen. Arbeitslose Juristen und Mediziner profitierten besonders: Die einen kamen in der Verwaltung unter, die anderen in staatlichen Krankenhäusern. Das akademische Prekariat war damals so groß, wie es heute wieder ist.

Von der Dankbarkeit ihrer Gefolgschaft beflügelt, machte die neue Regierung bald vor nichts mehr halt, wenn es darum ging, den einen zu nehmen, um den anderen zu geben: Berufsverbote für jüdische Bürger zwangen Ärzte ihre Praxen, Anwälte ihre Kanzleien, Geschäftsleute ihre Läden, Gewerbetreibende ihre Unternehmen aufzugeben. Entrechtung und Enteignung gingen Hand in Hand. Am Ende wurden jüdische Bürger, die sich dem Zugriff nicht rechtzeitig durch Flucht aus Deutschland entzogen hatten, deportiert und umgebracht.

Nach dem Beginn der Deportationen im Oktober 1941 tauchten etwa 7000 jüdische Berliner unter. Mit der Hilfe zehntausender Bürger, die sich den staatlichen Anordnungen widersetzten und ihre Mitbürger statt sie zu melden mutig versteckten und mit Lebensmitteln versorgten, gelang es etwa 1700 der Unsichtbaren, mitten im Bombenkrieg zu überleben. Dass mittlerweile fast zehnmal so viele jüdische Bürger wieder in der Stadt leben, kann heutigen Berlinern eine späte Genugtuung sein. Wie sie leben, das zeigt die neue Ausstellung täglich von 10 bis 20 Uhr im Jüdischen Museum.